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Editorial

1. August-Rede von Marco Chiesa an der offiziellen Feier in Yverdon-les-Bains

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Liebe Gäste!

Wir begehen heute den 731. Jahrestag der Gründung unseres Landes. Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung, diesen 1. August hier gemeinsam mit Ihnen allen in Yverdon-les-Bains zu feiern. Ein Italienischsprachiger unter Französischsprachigen – das ist bereits ein starkes Zeichen für den Geist, für den Zusammenhalt in unserer vielfältigen Schweiz.

Die Gründungsurkunde unseres Landes ist der Bundesbrief von 1291. Er ist das Manifest und der Ausdruck des Willens der ersten Eidgenossen nach Unabhängigkeit und Selbstbehauptung. Er legt den Grundstein für die Eidgenossenschaft und umreisst die Grundsätze, die bis heute unsere Gemeinschaft bilden.

Er beginnt mit der Anrufung Gottes und stellt die Schweizerinnen und Schweizer unter seinen Schutz. Der Bundesbrief ist auch ein Schutzbündnis der drei Talschaften Uri, Unterwalden und Schwyz gegen «die Arglist der Zeit» – die Unterzeichner halten fest, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen und keine fremden Richter dulden. Und sie versprechen, sich gegenseitig Beistand zu leisten.

Seitdem ist viel passiert, aber dieser Grundgedanke hat sich im Wesentlichen seit 731 Jahren gehalten. Deshalb ist der 1. August ein Tag der Dankbarkeit. Er bietet aber auch die Gelegenheit, das Schutzbündnis unserer Vorfahren zu erneuern – miteinander und füreinander. Stehen wir gemeinsam ein für eine sichere Zukunft in Freiheit.

An Herausforderungen für unser Land mangelt es nicht. Ich denke an die wirtschaftlichen Herausforderungen, an die hohen Preise und die Inflation, die allmählich unsere Kaufkraft aufzehren und die sozial Schwächeren, den Mittelstand und das Gewerbe besonders hart treffen; ich denke an die institutionellen Herausforderungen und den Ausverkauf unserer Neutralität, die uns seit mehr als 200 Jahren vor blutigen Kriegen bewahrt und Frieden und Wohlstand beschert hat; aber ich denke vor allem an die grossen energiepolitischen Herausforderungen.

Das Scheitern der Energiestrategie 2050 und die Schwierigkeiten Bundesberns, eine sichere, wirtschaftliche und bezahlbare Versorgung des Landes zu gewährleisten, sind unübersehbar. Wir sind vom Weg des erfolgreichen Schweizer Pragmatismus abgekommen, um Utopien zu folgen – und erhalten jetzt die Rechnung präsentiert.

Ein Land, das frei sein will, muss auf seine Unabhängigkeit zählen können; ein Land, das sicher sein will, muss sich auf seine eigenen Kräfte verlassen können. Das gilt insbesondere in strategischen Bereichen, von denen das Wohl der gesamten Bevölkerung abhängt.

Freiheit gibt es nicht ohne Selbstbestimmung, Selbstbestimmung gibt es nicht ohne Unabhängigkeit. Unsere Vorväter wussten das sehr genau, deshalb haben sie sich zusammengeschlossen und sich gegenseitig Hilfe geschworen.

Die Schweiz ist ein weltoffenes Land. Es genügt zu sagen, dass sie aufgrund der Einwanderung schon bald 9 Millionen Einwohner zählen wird. Das sind rund 30 Prozent mehr als 1990. Diese Entwicklung führt zwangsläufig dazu, dass wir über unsere Zukunft nachdenken müssen, sei es in Bezug auf Infrastruktur, Mobilität, Bauwesen, Energie- oder Lebensmittelversorgung.

All dies und die Weltlage erfüllen mich und viele Schweizerinnen und Schweizer mit Sorge – wir wollen es nicht verschweigen. Auch und erst recht nicht an diesem 1. August. Nach zwei Jahren einer Pandemie, die zu schmerzhaften Einschränkungen führte, lassen uns der von Russland entfesselte Krieg und die nicht enden wollenden Konflikte im Donbass nicht gleichgültig und werfen auch auf unsere Zukunft schwere Schatten.

Wäre es da nicht umso wichtiger, dass die Schweiz neutral und unabhängig bleiben würde? Dass sie nicht Teil des Konfliktes, sondern Teil der Lösung wäre? Dass sie als glaubwürdige Vermittlerin ihre Guten Dienste anbieten und dazu beitragen könnte, einen Waffenstillstand zu erreichen und das Leiden der Menschen zu beenden? Das ist aber nur dann möglich, wenn wir unsere Neutralität ernstnehmen und ihren Wert gegen innen und aussen erklären und verteidigen.

Das bringt mich zu einem letzten Punkt, der mir sehr wichtig ist: Unsere Demokratie lebt von der lebendigen, in der Sache harten, aber immer fairen Auseinandersetzung. Je mehr über eine politische Frage gestritten und debattiert wird, je klarer die Positionen herausgeschält werden, desto besser können sich die Bürgerinnen und Bürger eine Meinung bilden. Wir leben in einer Zeit, in der die Gemüter erhitzt und die Positionen verhärtet sind – doch unser gegenseitiger Respekt darf nicht ins Wanken geraten.

Die direkte Demokratie, die uns auszeichnet, ist eine Demokratie der Konfrontation und der Beteiligung. Ein Land, das auch über die Hörner von Kühen abstimmen kann, ist ein aussergewöhnliches Land. Ein Land mit einem zum Schweigen gebrachten Volk ist eine Diktatur. Wir wurden frei, demokratisch und neutral geboren, und ich hoffe, dass wir das auch bleiben können – nicht nur in den nächsten 365 Tagen des 732. Jahres der Existenz unseres Vaterlandes. Die Schweiz hat erfolgreich so lange überlebt und sich weiterentwickelt, weil sie stets die Lehren aus ihrer Geschichte gezogen hat. Sie hat sich immer wieder auf ihren Ursprung besonnen und auf den Bund der Ureidgenossen, in Sicherheit und Freiheit zu leben, füreinander einzustehen und sich gegenseitig zu schützen.

Sie werden mir deshalb erlauben, mit dem Rütlischwur zu schliessen, in der poetischen Version von Friedrich Schiller, die aber nichtsdestoweniger dem Sinn und Geist des Bundesbriefs von 1291 entspricht:

«Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, / in keiner Not uns trennen und Gefahr. / Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, / eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. / Wir wollen trauen auf den höchsten Gott / und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.»

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