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Editorial

Thesenjournalismus statt objektive Berichterstattung

Ein übles Stück an Thesenjournalismus hat das Schweizer Fernsehen (SF) im Rahmen der Berichterstattung über die SVP-Delegiertenversammlung vom vergangenen Samstag abgeliefert. Der Zuschauer der…

Ein übles Stück an Thesenjournalismus hat das Schweizer Fernsehen (SF) im Rahmen der Berichterstattung über die SVP-Delegiertenversammlung vom vergangenen Samstag abgeliefert. Der Zuschauer der Tagesschau Hauptausgabe musste annehmen, dass in Delémont in erster Linie über das Stimmverhalten der Fraktion zum UBS-Staatsvertrag gestritten wurde. Die Tatsachen liegen anders. Genau zwei Voten und eine kurze Replik der Parteileitung nahmen dieses Thema auf. Diese machten keine zehn Minuten der dreistündigen Veranstaltung aus. Im Zentrum stand vielmehr eine Tour d’horizon zur EU und zur Personenfreizügigkeit sowie die Parolenfassung zur Revision der Arbeitslosenversicherung. Darüber berichtete SF freilich nicht.

Die Redaktion der Tagesschau kam mit einer klaren Vorstellung nach Delémont. Der Beitrag über die Delegiertenversammlung sollte den Konflikt innerhalb der SVP im Nachgang zur Diskussion über das UBS-Abkommen aufwärmen und zuspitzen. Dabei sollte insbesondere eine Auseinandersetzung zwischen Deutschschweizern und Romands sichtbar gemacht werden. Dass aus dem Ablauf der Veranstaltung keine solche Storyline abzuleiten war, kümmerte die Fernsehleute nicht. Zwei Delegierte gingen in ihren kurzen Voten auf das UBS-Abkommen ein, davon einer aus der Westschweiz. Für SF Grund genug von „Rumoren, Wut und Ärger“ zu sprechen. Das Fehlen von Yvan Perrin (arbeitsbedingt) und Oskar Freysinger (ferienhalber) an der Versammlung wurde als „Beweis“ für die Spannungen zwischen Deutsch- und Westschweiz herbeigezogen. Kein Wort davon, dass Yvan Perrin bereits im Verlauf der letzten Woche im Rahmen einer mit Parteipräsident Toni Brunner gemeinsam durchgeführten Medienkonferenz zur Libyen-Krise angekündigt hatte, bei Bedarf noch bis Ende der Legislatur als Vizepräsident zur Verfügung zu stehen. Am Schluss des über zweiminütigen Beitrags durfte Christoph Blocher als Mitglied der Parteileitung während 11 Sekunden die Gegenthese vertreten. Einleitung der Redaktion dazu aus dem Off: „Christoph Blocher versucht den parteiinternen Konflikt schönzureden…“. Schöner wurden Berichterstattung und Kommentar wohl kaum je vermischt. Mit objektiver Information über eine Delegiertenversammlung hat dies wenig zu tun. In der Tagesschau des Westschweizer Fernsehens stand ebenfalls die interne Befindlichkeit der SVP im Zentrum, etwas ausgewogener und wenigstens mit einem minimalen Bezug zum Inhalt der Versammlung.

Debattiert wurde in Delémont während drei Stunden auf hohem Niveau über Europa und die Arbeitslosenversicherung. Hier die Referate, für all jene, denen der Service Public von SF zur Meinungsbildung nicht ausreicht.

über den Autor
Martin Baltisser
SVP (BE)
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