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Referat

Die Bedeutung des Bundesbriefes

Der Bundesbrief ist eine Anti-Vision

Ich soll mich kurz fassen, hat mir mein besorgter Bruder mit auf den Weg gegeben. Wenn es um den Bundesbrief geht, drängt sich Kürze geradezu auf. Denn der Bundesbrief ist ein Wunder an Kürze.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Schüler erstmals vor der Vitrine mit dem Bundesbrief in Schwyz stand. Mit klopfendem Herzen bin ich die Stufen im Archiv hinaufgestiegen – und dann dieses winzige Schriftstück. Nicht viel grösser als eine A-4-Seite. Ist das alles? Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen.

Erst später ist mir klar geworden, dass die Grösse des Bundesbriefes in seiner Nicht-Grösse liegt. Dass unsere Vorfahren es geschafft haben, auf einer einzigen Seite die wichtigsten Fragen zu klären. Nur zum Vergleich: Die Botschaft des Bundesrates zur Agrarpolitik 2014-2017 umfasste 298 Seiten. Da ist ein Bauer mindestens zwei Wochen lang beschäftigt, bis er überhaupt weiss, wie er nach dem Willen der Agrarbürokraten seinen Landwirtschaftsbetrieb führen soll.

Nicht so der Bundesbrief. Er begnügt sich mit 17 Zeilen auf 32 mal 20 Zentimetern. Ein paar wenige Worte, statt ein endloses Geschwafel.

Die Urkunde stammt vom Anfang August 1291. Der Zeitpunkt ist wichtig. Denn kurz zuvor, am 15. Juli, verstarb der deutsche König Rudolf I. Noch ist unklar, wem es gelingt, die Macht im Reich zu übernehmen. Und die herrschenden Landleute der Talschaften Uri, Schwyz und Unterwalden tun, was umsichtige Führer in einem solchen Moment tun sollten: Sie sorgen vor. Sie schaffen Rechtssicherheit. Denn es droht Anarchie. So wird in diesem Bundesbrief festgehalten, was zu tun ist bei Mord, bei Brandfällen, bei Geld- und anderen Streitereien.

Der Bundesbrief kümmert sich um die Sorgen der Leute

Das sind Fragen des Zivil- und des Strafrechts. Langweilig, aber nötig. Der Bundesbrief kümmert sich um den Alltag der Menschen. Völlig unspektakulär. Der Bundesbrief ist ein Gebrauchsgegenstand. Er ist das Gegenteil von pompös. Das Gegenteil von Schloss Versailles und den Glaspalästen von Brüssel. Dafür kümmert er sich um die Sorgen der Leute.

Die Talschaften geloben einander Beistand «im Hinblick auf die Arglist der Zeit». Wir haben es mit einem Schutzbündnis zu tun. Gegen alle, «die ihnen oder jemand aus ihnen Gewalt oder Unrecht an Leib oder Gut antun». Es blitzt ein erster Anspruch von Souveränität hervor. Denn dieser Schutz soll gelten «innerhalb ihrer Täler», wie es heisst, «und ausserhalb».

Unrecht verhindern, ist das eine. Unrecht ahnden, das andere. Und hier stossen wir in den Kern des Bundesbriefes vor: «Wir haben auch einhellig gelobt […], dass wir in den Tälern durchaus keinen Richter, der […] nicht unser Einwohner oder Landmann ist, annehmen sollen.» Mit anderen Worten: Wir dulden keine fremden Richter. Und die Richter im Mittelalter sind immer gleichzeitig auch die Herrschenden. Man duldet also auch keine fremden Herren im Land.

Nun haben viele Professoren ganze Aufsätze darüber geschrieben, wie unbedeutend der Bundesbrief sei. Das sehe ich als ein gutes Zeichen. Immer wenn Intellektuelle keinen Aufwand scheuen, eine Sache der Schweizer Geschichte für unbedeutend zu erklären, steckt mehr dahinter. Wir haben in diesem Jubiläumsjahr genügend solcher Beispiele erlebt. Sie kommen aus einer Ecke wie der Historiker Thomas Maissen, die immer noch das Heil in der EU suchen – und darum alles negieren wollen, was in der Schweiz auf Selbstbestimmung programmiert ist.

Wir brauchen keine „europäische Vision“

Zurück zum Bundesbrief und die Zeit um 1300. Es kann schon sein, dass diese Leute damals gar nicht die Absicht hatten, ein Verteidigungsbündnis gegen Habsburg zu gründen. Dass sie gar nicht ahnen konnten, dass auf dieses kleine Stück Pergament die grossen Unabhängigkeitskriege von Morgarten und Sempach folgen sollten. Aber so ist es in der Politik. Nicht die Absichten zählen. Sondern die Ergebnisse.

Wir haben uns heute hier als freie Schweizer versammelt. 724 Jahre nach dem Bundesbrief. Wir leben in einem Land, das einzigartig ist. Weil wir ein politisches System haben, das einzigartig ist. Mit dem Bürger als Souverän. Mit den Volksrechten. Mit der direkten Demokratie. Damit klärt sich auch die Bedeutung des Bundesbriefes. Nämlich rückwirkend. Das Ergebnis zählt. Und wir dürfen durchaus zufrieden sein: Die Schweiz hat mehr Demokratie und Wohlstand geschaffen als die meisten anderen Länder.

Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelt sich die Eidgenossenschaft aus sich selbst heraus. Es entstehen Landsgemeinden, die sich ihren Landammann selber wählen und ihre Geschicke selber bestimmen. Urformen der Demokratie, Fingerübungen der Volksherrschaft. Während in ganz Europa der Adel seine Stellung festigt und sich die Monarchien ausgestalten, verschwinden in der Schweiz die aristokratischen Strukturen weitgehend.

Der Bundesbrief ist Teil dieser Kettenreaktion, aus der schliesslich die Schweiz entsteht. Unser Land hat keine exakte Geburtsstunde. Die Schweiz ist gewachsen. Von unten nach oben. Dieser Geist hat uns auch vor grösseren historischen Fehltritten bewahrt. Im Gegensatz zu unseren Nachbarn war die Schweiz nie eine Monarchie mit Königen, die sich wie Götter aufführten. Und nie eine Diktatur. Darum brauchen wir auch keine „europäische Vision“.

Der Bundesbrief ist eine Anti-Vision. Er steht dafür, dass wir im Kleinen Verantwortung übernehmen sollen. Dass wir selber für unsere Geschicke zuständig sind. Dass wir keine fremden Richter und Herren dulden. Darin liegt die historische Grösse des Bundesbriefes und darin besteht sein Auftrag für die Gegenwart: Frei bleiben! Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie in Ihrer politischen Arbeit diesem Geist des Bundesbriefes gerecht werden.

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SVP Nationalrat (NW)
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