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Referat

Eine Würdigung von Schaffhauser Persönlichkeiten und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz

Bächtelistag-Rede gehalten von Christoph Blocher, a. Bundesrat, anlässlich der «Bächtelistag»-Neujahrsveranstaltung am 2. Januar 2020 in Schaffhausen.

Es gilt das schriftliche und das mündliche Wort. Der Redner behält sich vor, auch stark vom Manuskript abzuweichen.

Heinrich Moser (1805–1874)
Vom Uhrmacher zum Grossindustriellen

Walther Bringolf (1895–1981)
Bürgerschreck und Staatsmann

Albert Bächtold (1891–1981)
Weltreisender Wilchinger Dichter

Bild: Moser, Bringolf, Bächtold

Der bereits zur Tradition gewordenen Sitte folgend, nämlich am 2. Januar – dem «Bächtelistag» – Persönlichkeiten zu würdigen, wollen wir es dieses Mal hier in Schaffhausen tun. Für mich trifft sich dies gut, denn zu allen drei Persönlichkeiten habe ich einen inneren Bezug.

  • Wie Heinrich Moser war ich stets ein international tätiger Industrieller.
  • Wie Walther Bringolf langjähriger Politiker und Nationalrat. Und den
  • Schriftsteller Albert Bächtold habe ich nicht nur mehrmals gelesen, sondern war mit ihm auch persönlich bekannt.

Gewürdigt werden sollen diese Persönlichkeiten aber nicht deswegen, sondern weil alle drei über ihre Lebensdaten und weit über ihre gemeinsame Schaffhauser Heimat hinaus strahlten.

Was aber verbindet diese verschiedenen Menschen? Ganz einfach: Sie sind Schaffhauser. Und bekanntlich prägt die Landschaft den Menschen.

Bild: Buchberg/Rüdlingen

Doch der Kanton Schaffhausen besteht nicht nur aus der gleichlautenden Kantonshauptstadt. Er ist der einzige Schweizer Kanton, der nördlich des Rheins liegt. Die Grenze zu Deutschland ist viel länger als zu einem Schweizer Kanton.

Südlich liegt die Exklave Rüdlingen und Buchberg, mit wunderbarem Blick in die weite Umgebung, ins zürcherische und ins badische Grenzland, wie sie hier auf dem Bild sehen.

Bild: Stein am Rhein

Aber auch das wunderschöne Städtchen Stein am Rhein gehört dazu.

Bild: Hallau

Vom Hochplateau des Randens im Norden oder vom Klettgau im Westen und von der eigentlichen Kornkammer des Kantons mit dem weitbekannten Weingebiet nicht zu reden. Dank meinem verstorbenen Bruder Gerhard – dem Pfarrer, ausgezeichneten Seelsorger und Hallauer Gemeindepräsidenten wider Willen – habe ich viel gelernt, auch und gerade über die Schaffhauser!

Bild: Rheinfall

Zum mächtigen Rheinfall, den Ihr Schaffhauser zur Hälfte mit den Zürchern teilen müsst, habe ich eine ganz besonders enge Beziehung. Hoch über dem Rheinfall, auf der zürcherischen Seite, bin ich im Pfarrhaus von Laufen aufgewachsen. Für mich waren die stiebenden Wassermassen und der dauernde tosende Lärm stets ein Symbol für das Zwingende, das Übermenschliche im Leben: Meistens kann man nicht anders, als das zu tun, was man muss, das, wozu uns das Schicksal bestimmt.

Bild: Neuhausen

Vom bäuerlich geprägten Ort meiner Jugend sah ich über den Rhein in eine ganz andere Welt, nämlich direkt zu den Fabrikgebäuden der damals pulsierenden Industriestadt Neuhausen, dicht am anderen Ufer. Dort standen die Wiegen und die Fabrikgebäude der Schweizerischen Aluminiumfabrik (heute Alusuisse) und der Schweizerischen Industriegesellschaft Schaffhausen, der SIG, damals Schweizerische Wagonfabrik.

II. Heinrich Moser (1805–1874): Vom Uhrmacher zum Grossindustriellen

1. Der Moser-Damm

Bild: Rheinwerk

Wer einen Blick auf den Rhein wirft, vom Rheinfall hinauf bis oberhalb Schaffhausens, dem fällt das Rheinwerk, der so genannte „Moser-Damm“ auf.

Der Erbauer, aber vor allem auch der unermüdliche Vorantreiber des Rheinwerks war Heinrich Moser.

Moser baute 1850/51 den ersten Rheinkanal mit einer Turbine von 80 PS. Weil sich grosser Widerstand abzeichnete, verzögerte sich die Sache.

Endlich beschloss die Schaffhauser Bürgerschaft 1861, das Projekt zu unterstützen. Dank Mosers nie erlahmendem Einsatz wurde es zu einem grossen Erfolg. Etwas flussabwärts von Schaffhausen, 1000 Meter vor dem Rheinfall, wo die Strömung Fahrt aufnimmt, staute Mosers Werk das Wasser zur Energiegewinnung.

Bild: Transmissionsanlage

Auch eine grosse Transmissionsanlage zum Transport der Energie gehörte dazu. Im Frühling 1866 war dieses grösste Wasserwerk des Landes vollendet. Es hat den Urheber mehr als ein Viertel seines Gesamtvermögens gekostet.

Bild: Moser im Mannesalter

Mit dieser Energiegewinnung aus dem Rhein ermöglichte Heinrich Moser die Industrialisierung Schaffhausens und gab damit vielen Familien Arbeit und Verdienst.

Man darf diesen energischen, visionären Wirtschaftspionier sicher als Alfred Escher des Kantons Schaffhausen bezeichnen.

Bild: Schloss „Charlottenfels

Doch das grossartige Rheinwerk ist nicht der einzige Bau, der mit dem Namen Moser verbunden ist. Hoch über Neuhausen erhebt sich ein Schloss namens „Charlottenfels“. Das prächtige Gebäude gehört heute dem Kanton Schaffhausen. Moser baute es für sich: als Familienschloss.

An den Folgen eines Kutschenunfalls bei der Kur in Baden starb Mosers Frau Charlotte. Zum Gedenken an sie, die Mutter seiner fünf Kinder, heisst das Schloss noch heute „Charlottenfels“.

Bild: Rheinfallbahn

Die industriellen Spuren Mosers im Kanton Schaffhausen sind reichhaltig. Er war Mitbegründer der Dampfboot-Aktiengesellschaft Schaffhausen, der Schweizerischen Waggon-Fabrik (der heutigen SIG) und geistiger Ziehvater der späteren Uhrenfirma IWC. Ebenso ermöglichte er die „Rheinfallbahn“ zwischen Schaffhausen und Winterthur, die zweitälteste Schweizer Bahnstrecke nach der Spanischbrötlibahn zwischen Zürich und Baden.

2. Wer war Heinrich Moser?

Bild: Schaffhausen, um 1800

Heinrich Moser wurde im alten, etwas verschlafenen Schaffhausen 1805 als Sohn des Stadtuhrmachers geboren. Die Familie gehörte dem städtischen Handwerkerstand und der Schmiedenzunft an, nicht aber zum „Adel“ wie etwa die Ziegler, Meyenburg, Peyer, Stockar oder Waldkirch. Über diese dem Neuen allzu verschlossenen Patrizier schimpfte Moser zeitlebens heftig.

Bild: Haus „Zum Blauen Himmel“

Im Haus „Zum Blauen Himmel“ verbrachte Heinrich Moser seine Schul- und Jugendzeit und erlernte das väterliche Uhrmacherhandwerk. Doch die Schaffhauser wollten ihn nicht als Stadtuhrmacher – zu seinem Glück. Ihn drängte es in die grosse, weite Welt, und so konnte er gerade deshalb später mehr für Schaffhausen leisten.

Bild: Weiterbildung in Le Locle

Zuerst vertiefte Moser seine Kenntnisse als Uhrmacher in Le Locle, wo er für fast keinen Lohn enorm hart arbeitete.

Lange sass er oft brav neben dem Meister, schaute sich die Sache genau an. Doch der Schläuling scheute sich nicht, von seinem Lehrmeister mit einem Spiegelchen ein Fabrikationsgeheimnis auszuspionieren.

3. Geschäftliche Expansion

Bild: Hauptsitz der Moser & Cie. in St. Petersburg

Dann wurde ihm die Heimat zu eng. Der junge Schaffhauser reiste nach London, und 1827 – mit 22 Jahren – nach St. Petersburg, wo er riesige Absatzmärkte für die von ihm hergestellten Uhren vermutete. Bald schon gelang es ihm, ein mechanisches Kunstwerk des Zaren Nikolaus I. zu reparieren, an dem alle andern gescheitert waren.

Mosers Uhrenhandel blühte auf, führte zur Gründung einer eigenen Gesellschaft, und der begabte Kaufmann und Zahlenmensch verdiente schon bald viel Geld.

Wir sehen hier den späteren Hauptsitz der Firma Moser & Compagnie in Petersburg.

Bild: Tochterfirma in Le Locle

Weitere Tochterfirmen und Produktionsstätten gründete er in Le Locle und in Moskau.  Oft aber plagte Moser das Heimweh nach Schaffhausen.

Aus Russland schrieb er einem Freund: „Bin ich nicht hierhergereist, um Mittel und Wege aufzufinden, um meiner Vaterstadt nützlich zu werden?“

Bild: Moser-Uhr

Er weitete den Handel mit seinen vorzüglichen Qualitätsuhren aus nach Paris, beherrschte den Uhrenhandel in ganz Russland und lieferte schon damals sogar nach China und Japan.

Sein Geheimnis hiess Qualität. So sprach er: „Nur ein Haus, welches schlecht steht, sieht wenig auf Qualität.“

Seit 2005 werden in Schaffhausen wieder Moser-Uhren in bester Qualität hergestellt. Das Werk von Heinrich Moser lebt also weiter – es ist nachhaltig im besten Sinne des Wortes.

Bild: Gattin Charlotte Mayu

In Russland lernte er die Tochter einer verarmten holländischen Einwandererfamilie, Charlotte Mayu, kennen. Sie wurde seine Frau. (Wir sehen hier Charlotte mit den drei ältesten Töchtern.) Mit ihr lebte er bis zu ihrem allzu frühen Tod ausserordentlich glücklich zusammen. Moser schrieb an seine Schwester: „Du musst einmal mein Weibchen kennenlernen; bei Gott, nicht aus Leidenschaft, sondern aus völliger Überzeugung fühle ich, dass kein besseres Herz je einen menschlichen Körper bewohnte.“

Bild: Moser mit Töchtern

Vier Töchter und ein Sohn wurden dem Paar im Lauf der Jahre geboren. (Auf diesem Gemälde posiert Heinrich Moser mit seinen beiden älteren Töchtern.)

Als die Cholera-Seuchenzüge Russland heimsuchten, schmiedete er Pläne zur Heimkehr nach Schaffhausen. Und – ganz unternehmerisch – überlegte er sich schon in Russland, wie die Wasserkraft des Rheins zur Industrialisierung genutzt werden könne. Die Geburtsurkunde des beschriebenen Moserdammes liegt also in Russland.

Bild: Foto von Heinrich Moser

Schon in Russland ärgerte sich der tatkräftige, mittlerweile sehr wohlhabende Unternehmer über den Dornröschenschlaf in seiner Vaterstadt. „Schaffhausen muss immer mehr in Armut versinken“, schrieb er, „wenn nicht neue Nahrungsquellen sich öffnen, die bis jetzt mit Gewalt verstopft wurden.“

So traf er 1848 mitsamt der Familie wieder in Schaffhausen ein. Fast zwanzig Jahre blieb Heinrich Moser Witwer und versuchte, seinen fünf Kindern ein guter Vater zu sein.

4. Familiäre Probleme im Alter

Bild: Büste von Fanny Moser-von Sulzer-Wart

Um kein Menschenhasser zu werden, meinte er, sei eine nochmalige Heirat das Beste. Ganz kalkulierender Unternehmer, schrieb er: „Zur Ausführung dieses Entschlusses sind zwei Wege, entweder eine Person von reifem Alter und erprobtem Charakter oder ein hübsches junges Mädchen als Gefährtin für den Rest meines Lebens.“ Er heiratet 1870 die 43 Jahre jüngere Fanny von Sulzer-Wart. Sie bekamen nochmals eine Tochter namens Fanny.

Bild: Der alte Heinrich Moser

Doch es kam, wie es halt so geht: Die erwachsenen Kinder aus erster Ehe verstanden sich nicht mit der 21-jährigen zweiten Ehefrau. Und diese wollte den Mann für sich haben und verhinderte ebenso nach Kräften den bisher so engen familiären Kontakt. Dahinter steckte natürlich nicht zuletzt das zu erwartende Erbe. Heinrich Moser verstarb schliesslich 69-jährig. Sein grosses Werk aber ist geblieben.

Bild: Büste von Heinrich Moser

Eines ist sicher: Heinrich Moser war ein bedeutender Unternehmer und Wirtschaftsförderer, ein ständiger Motivator, vor allem aber auch ein Patriot – also ein grosser Schaffhauser mit erheblicher Bedeutung für die heutige Schweiz.

III. Walther Bringolf (1895–1981): Bürgerschreck und Staatsmann

Der Mensch ist immer auch das Kind seiner Zeit.

Heinrich Moser – 1805 geboren – war ein Kind des 19. Jahrhunderts. Es war das Jahrhundert des wirtschaftlichen und politischen Um- und Aufbruchs. In der Schweiz war es das Jahrhundert der Eisenbahnen, der Gründung von Banken und Industrien. Das Jahrhundert der freiheitlichen und demokratischen Bundesverfassung von 1848, das Jahrhundert des letzten Krieges auf Schweizer Boden, dem des Sonderbundskrieges von 1847.

Ganz anders war die Zeit Walther Bringolfs, 1895 geboren, aber auch von Albert Bächtold,1891 geboren. Sie waren Menschen des 20. Jahrhunderts. Das Jahrhundert von zwei schrecklichen Weltkriegen (1914–1918 und 1939–1945), das Jahrhundert der mörderischsten Ideologien – des Nationalsozialismus und des Kommunismus.

Wenden wir uns zuerst Walther Bringolf zu.

Bild: Im Militärdienst

Bringolf wurde durch den Militärdienst politisiert. Das Arbeiterkind, dessen Vater aus Hallau stammte, hielt es in der Kantonsschule nicht aus, machte eine Maurerlehre und weilte kürzere Zeit am Technikum. Bringolf rückte im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges – also im Aktivdienst – in die Infanterierekrutenschule ein. Er wäre gerne Offizier geworden, aber die so genannt «mehrbesseren» Schaffhauser, wie er sagte, verhinderten dies. Und zwar einzig aus Standesdünkel, denn der Bringolf stamme aus sozial zu niederer Schicht, hiess es. Das war eine ebenso ungerechte wie unverdiente Abfuhr – mit politischen Folgen.

Bild: Lenin, 1920

Wegen dieser Kränkung gründete Bringolf den Soldatenverein Schaffhausen. Aber noch war er nicht grundsätzlich gegen die Armee, wohl aber gegen Missstände und Schikanen. Bald schon radikalisierte er sich. Er besuchte Vorlesungen an der Universität Zürich, politisierte vorerst am linken Flügel der SP und vertrat diesen 1920 bei einem Kommunistenkongress in Moskau. Bringolf liess sich vom Führer der russischen Revolution, Lenin, schwer beeindrucken. Mit 21 sowjetischen Bedingungen an die Schweizer Sozialisten kehrte er heim.

1. Der Kommunist

Bild: Spaltung der SP

Am Parteitag der SP in Bern vom Dezember 1920 kam es zur Spaltung. Dem glühenden Leninisten Bringolf aus Schaffhausen wurde vorgeworfen, er wärme sich «unter Moskaus Gnadensonne». Die Unterlegenen gründeten die Kommunistische Partei der Schweiz.

Bild: Bringolf mit Gattin

Bringolf selbst war aber nie ein intellektueller marxistischer Theoretiker, vielmehr ein zupackender Praktiker und ausgeprägter Gefühlsmensch. Gerne wäre er Schauspieler geworden, was man seinen öffentlichen Auftritten anmerkte. Seit 1920 lebte er in «wilder Ehe» mit Margrit Wildberger und heiratete die Gefährtin erst 1932.

Sie war ihm eine grosse Stütze, politisch durchaus versiert, blieb aber im Hintergrund. Bringolf war zwar für das Frauenstimmrecht, erklärte aber, er wollte keine emanzipierte Frau. Die Ehe blieb kinderlos. Seine Frau Margrit Bringolf-Wildberger starb 1949 an einem Schlaganfall.

Bild: Porträt aus den Kampfjahren

1921 bis 1933 wirkte Bringolf als Hauptredaktor der kommunistischen «Arbeiter-Zeitung», kurz «AZ». Rasch verdrängte er die alte Garde der Arbeiterführer und ekelte unliebsame Konkurrenten aus der Partei hinaus. Wegen seiner gepfefferten Sprache in Reden und Artikeln wurde er bald zum Bürgerschreck.

1924 pilgerte Bringolf wieder nach Moskau, mischte sich lustvoll in die Gewerkschaftskämpfe, und im gleichen Jahr 1925 wurde er Grossrat, Grossstadtrat und gleich auch noch Nationalrat.

Kaum zu glauben: Die Kommunisten errangen bei den eidgenössischen Wahlen 1925 in den Industriezentren Schaffhausen und in Neuhausen sogar die absolute Mehrheit.

Bild: Im Nationalrat

Im eidgenössischen, kantonalen und städtischen Parlament war Bringolf als Kommunist zwar noch ein Aussenseiter, aber ein grosses rhetorisches Talent. Zimperlich war er nie. 1930 beschimpfte er einen katholisch-konservativen Kollegen als Lügner, worauf ihm dieser eine Ohrfeige verpasste.

Kurz darauf meldete Bringolf: «Er hat’s zurückerhalten».

Aber wie es sich für Persönlichkeiten gehört, haben sich die beiden Streithähne wieder ausgesöhnt.

Bild: Stalin

Noch als der Massenmörder Stalin in Russland längst die Macht an sich gerissen hatte, blieb Bringolf auf Moskau-Kurs.

So rief er ins Schweizerland: «Mit den sozialdemokratischen Traditionen, die unserer Partei noch immer anhaften, muss endlich aufgeräumt werden.» Innerlich aber beschlichen ihn Zweifel, und er wich vom Kurs immer mehr ab.

Darum wurde er 1930 nach Moskau zitiert, um dort Direktiven zu erhalten. Bringolf lenkte ein, dass die «Arbeiter-Zeitung» wieder stramm kommunistisch wurde.

Zu alldem wollte er später nicht mehr stehen. Als man ihn 1976 mit einem entsprechenden Telegramm, das er nach Schaffhausen abgesandt hatte, die Moskautreue bewies, stritt er dies an einer Veranstaltung des ETH-Archivs für Zeitgeschichte ab. Wütend verteidigte er sich: «Ich habe nie ein Telegramm geschickt, merken Sie sich das ein für allemal!» Und fügte an, er stehe hier nicht vor dem Untersuchungsrichter.

Bild: Fahne der Arbeiter-Union

Spät, erst nach längerem Zögern und als er ins politische Abseits zu geraten drohte, sagte sich Bringolf vom Stalinismus los, und kehrte in den Schoss der SP zurück. Bei seiner dritten Wiederwahl 1931 gaben gerade mal 11 Stimmen den Ausschlag, dass er seinen Nationalratssitz behielt.

2. Wieder Sozialdemokrat

Bild: Antifaschistisches «AZ»-Inserat

Bringolf hat die tödliche Gefahr des Stalinismus spät erkannt. Aber er erkannte früh jene des Nationalsozialismus. Unermüdlich warnte er vor der braunen Flut. Zu Recht, denn waren die Städte Schaffhausen und Neuhausen eine Hochburg der Kommunisten, wurde der Kanton Schaffhausen zu einer Hochburg der Frontenbewegung – die Organisation der Schweizer Nationalsozialisten. Sie erreichte hier bei den Ständeratswahlen von 1933 einen Anteil von 27 Prozent!

Bild: Schaffhauser Stadtpräsident

1932, mitten in der Weltwirtschaftskrise, wurde Walther Bringolf ins Amt des Stadtpräsidenten von Schaffhausen gewählt. Er sollte es 36 Jahre behalten, um erst 1968, mit 73 Jahren, zurückzutreten – und das erst noch ungern!

Stadtpräsident, dieses Amt war für Walther Bringolf wie massgeschneidert. Hier konnte er seine militärischen, praktischen und politischen Fähigkeiten einbringen.

Er reifte vollends zum tüchtigen Staatsmann.

Sein Gespür für die kleinen Leute, aber auch seine Kontakte zu den Mächtigen halfen ihm, dieses Amt vorbildlich auszuführen.

Bild: Haus «Zum Ritter»

Jetzt bewährte sich auch Bringolfs grosses Interesse für kulturelle Fragen. Er liess die einmalige Renaissance-Malerei von Tobias Stimmer am Haus «Zum Ritter» ablösen. Und sorgte dafür, dass die Eidgenossenschaft dieses erwarb, aber dem Museum Allerheiligen in Schaffhausen übergab.

Dann erwarb er für die Stadt das Stadttheater, wo fortan die grössten Schauspieler aus Basel und Zürich gastierten.

Bild: Höhlenbewohner im Allerheiligen

Unter Bringolfs Leitung wurde auch die fast 1000 Jahre alte Stadtkirche St. Johann renoviert, ebenso das Museum Allerheiligen. Ich kann mich gut erinnern, wie beeindruckt ich schon als Knabe von diesem 1939 geschaffenen Diorama von Höhlenbewohnern des Kesslerlochs war.

Bild: Walther Bringolf, 1936

Kaum zur SP übergetreten, wirkte Bringolf 1936 schon in der nationalen Geschäftsleitung mit.

Zusammen mit seiner Partei befürwortete er allmählich die Militärkredite. Als die Schweiz im Krieg rundum von den Achsenmächten eingeschlossen war, wusste er, dass der Kanton Schaffhausen wegen seiner geographisch besonders exponierten Lage bei einem Einmarsch als einer der ersten liquidiert worden wäre. Er fühlte sich auch persönlich bedroht. Darum hielt er immer einen Revolver bereit.

1940 verpflichteten sich führende Bürgerliche zusammen mit Sozialdemokraten – darunter auch Bringolf – in der «Aktion Nationaler Widerstand» zum bedingungslosen Kampf «für die Freiheit, Ehre und Unabhängigkeit der schweizerischen Eidgenossenschaft».

3. Bewährung als Stadtpräsident

Bild: Bombardierung von Schaffhausen

In der Flüchtlingsfrage wandte sich der Schaffhauser Sozialdemokrat Bringolf zwar gegen die Judenhetze, billigte aber den berüchtigten J-Stempel und schrieb: «Wir haben in der Tat kein Interesse daran, dass die Zahl der Juden in der Schweiz ansteige.»

Vollkommen auf der Höhe seiner Aufgabe war Walther Bringolf aber am 1. April 1944, als kurz vor 11 Uhr amerikanische Flugzeuge irrtümlich Schaffhausen bombardierten. In diesen wohl dunkelsten Stunden der Stadtgeschichte bewährte sich Bringolfs Unerschrockenheit, Durchsetzungsfähigkeit und Organisationstalent. Unverzüglich übernahm er das Kommando und brachte mit Feuerwehr, Militär und Luftschutz 45 Grossbrände unter Kontrolle.

Bild: Bombenopfer

40 Todesopfer waren zu beklagen, die auf dem Waldfriedhof beigesetzt wurden. An der Abdankungsfeier im St. Johann sagte Bringolf – seit vier Tagen ohne Schlaf –, die Schreckensstunde lasse erahnen, wie schwer Menschen unter dem Krieg leiden müssten.

Bild: Der ältere Bringolf

In der Nachkriegszeit zeigten die Ereignisse hinter dem Eisernen Vorhang, dass der Kapitalismus weit weniger schlimm ist als der Kommunismus. Auch Bringolf stellte fest, dass gerade die Arbeiterschaft ihre Lebenshaltung in relativ kurzer Zeit wesentlich verbessern konnte. Ab 1952 spielte er als Parteipräsident der SP Schweiz die erste Geige. Bringolf führte straff, selbstbewusst, autoritär, manchmal auch charmant und konziliant. Er wollte immer und unbedingt der Erste sein.

4. Geplatzter Traum vom Bundesrat

Bild: Bundesratswahl 1959

Bei der Bundesratswahl 1959 stellte Bringolf zunächst klar fest: Zwei SP-Bundesräte oder keiner. Kurz vor den Wahlen gab er aber zu verstehen, dass er auch als einziger Sozialdemokrat in die Regierung einziehen würde. Die SP-Fraktion schlug schliesslich Bringolf und den Zürcher Willy Spühler als Kandidaten vor. Sofort kamen von bürgerlicher Seite Bedenken wegen Bringolfs Alter, seiner kommunistischen Vergangenheit und seinem unbequemen Charakter. Die Einwände wirken im Nachhinein kleinlich, wie dies bei Bundesratswahlen eben üblich ist. Längst hatte Bringolf seine kommunistische Vergangenheit abgelegt und gehörte unterdessen zu den rechtsstehenden Sozialdemokraten. Er befürwortete die Landesverteidigung vehement und war sogar für die Atombewaffnung der Schweiz.

Der 64-Jährige strömte mehr Temperament und Aktivität aus als die meisten Jüngeren und hatte das, was man Profil nennt.

Dennoch scheiterte der Schaffhauser schliesslich gegen den Basler Hans-Peter Tschudi. Diese Niederlage hat er innerlich lebenslang nicht verschmerzt.

Bild: Ehrung in Schaffhausen

Walther Bringolf musste sich damit abfinden, dass man lieber blassere, bravere, ordentlichere Bundesräte wählte. Dennoch wurde er beim offiziellen Empfang in Schaffhausen noch mehr bejubelt, als wenn er Bundesrat geworden wäre. Das Volksfest wurde wie immer mustergültig von seinem freisinnigen Stadtschreiber Hans Müller organisiert, der durch seine riesige Arbeit im Hintergrund überhaupt erst Bringolfs Auftritte auf der grossen Bühne ermöglichte.

Bild: Bringolf und Willy Brandt

Seine internationalen Kontakte – vor allem mit sogenannten Grösseren – spielte er gezielt aus und setzte sie zum Nutzen seiner Stadt Schaffhausen ein.

Ihn verband als Ehrenpräsident der Sozialistischen Internationalen eine Freundschaft mit Willy Brandt.

Anlässlich einer grossen Munch-Ausstellung brachte er König Olaf von Norwegen nach Schaffhausen.

Der Stadtpräsident spazierte auch mit den deutschen Bundespräsidenten Heuss und Lübke an den Rhein und durch die alten Gassen.

Bild: Bringolf und Maria Stader

Als weitüberragendes, ja als internationales Ereignis führte Bringolf die internationalen Bachfeste in Schaffhausen ein, die heute noch bestehen. Dabei traf er die grosse Opernsängerin Maria Stader, mit der er sich sehr anfreundete.

Zwei Dinge seien Walther Bringolf in seinem Leben nicht gelungen, sagte einst ein Kollege: Er sei nicht Bundesrat geworden und nicht der Ehemann von Maria Stader.

Bild: Alter Bringolf

Mit 76 Jahren trat Bringolf aus dem Nationalrat zurück – nach 46 Jahren! Er hatte gar kein Verständnis für das Aufbegehren der Achtundsechziger und misstraute als Anhänger des technischen Fortschritts den «grünen» Anliegen. Dafür war er den Genüssen des Lebens nicht abgeneigt und bevorzugte einen Bordeaux selbst gegenüber dem edelsten Hallauer.

1972, kurz nach seinem Rücktritt aus dem Nationalrat, schloss der Waffenfabrikant Dieter Bührle mit Bringolf einen «Beratungsvertrag» ab, der gegenüber Dritten «geheim gehalten» werden musste. Bringolf erhielt ein Jahreshonorar von 18’000 Franken, was heute 48’000 Franken entspräche, wobei festgehalten wurde: «Herr Bringolf berät und unterstützt die Oerlikon-Bührle Holding AG […] hinsichtlich der Bekämpfung der Waffenausfuhrverbots-Initiative.» Diese Episode hätte eigentlich nie auskommen sollen, also behalten Sie sie bitte für sich!

Bild: Villa Lindenberg

Die dankbare Stadt Schaffhausen schenkte ihrem Präsidenten nach 36 Amtsjahren neben dem Ehrenbürgerrecht auch eine Gratis-Wohnung in der Villa Lindenberg. Denn der Stadtpräsident unterstützte seine Geschwister und verstarb 1981 – mit 86 Jahren – ziemlich genau so arm, wie er auf die Welt gekommen war.

Bringolf starb als Mensch mit seinem Widerspruch. Aber für die Leistung, die er für sein Vaterstadt, den Kanton Schaffhausen und weit darüber hinaus erbracht hat, verdient er den Dank auch der heutigen Generation.

III. Albert Bächtold (1891–1981): Weltreisender Wilchinger Dichter

Bild: Wilchingen

Wie Walther Bringolf erlebte auch der Wilchinger Dichter Albert Bächtold die Russische Revolution – aber direkter als Bringolf, der mit den Revolutionsführern verkehrte und sich vom kommunistischen Bazillus anstecken liess.

Nicht nur die Russische Revolution, sondern auch die tiefgreifende Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre erlebt er. Er wurde damals – zumindest finanziell – fast ruiniert.

Trotzdem – oder vielmehr gerade wegen seinen negativen Erlebnissen – brachte es Albert Bächtold zum begnadeten, grossen Dichter, indem er in zehn Bänden die Lebensgeschichte einer Persönlichkeit – genannt «Peter Räbme» – festhielt. Und dies in allerbestem Wilchinger Dialekt. In «Piotr Ivanovitsch» beschrieb er das vorrevolutionäre Russland, dann Amerika – alles in Mundart. «Piotr Ivanovitsch» wurde letztes Jahr auf Russisch übersetzt.

Aber wer ist dieser Bächtold?

1891 – also vier Jahre vor Walter Bringolf – ist Albert Bächtold im schönen Dorf Wilchingen im Klettgau geboren. Und dieses reizvoll gelegene Wilchingen sollte ihn innerlich nie mehr loslassen, obwohl er das Dorf früh verlassen hat.

Im Grunde hat Bächtold in seinen Romanen von nichts anderem als von seinem eigenen Leben erzählt – wenn auch verschlüsselt und in künstlerischer Freiheit. Weder er selber noch sein viel beschriebenes Heimatdorf Wilchingen werden wörtlich genannt. Aber man darf annehmen, dass seine Bücher seine eigene Lebensgeschichte ist und er sein beschriebenes Dorf Wilchingen meint. Auf die Frage, ob denn das alles, was er beschrieben habe, so gewesen sei, pflegte er zu sagen: «S’isch genau eso gsii, no ganz andersch.»

Bild: Das grüne Häuschen

Im Lehrerhäuschen ist Albert Bächtold mit drei älteren Geschwistern und der jüngeren Schwester Lydia aufgewachsen, die ihm später Freundin und Vertraute war. In den Romanen beschreibt er sich aber als Einzelkind namens Peter Rebmann (meist als «Räbme» bezeichnet). Dieses Haus war bescheidener als viele Bauernhäuser, es zeichnete sich aber besonders durch das Klavier in der Stube aus. Im hohen Alter soll er über seine Mutter gesagt haben: «Choche hät sie zwor nid chöne, aber der für wunderbar singe und Klavier spiele.» Die klassische Musik wurde später zu Bächtolds grosser Leidenschaft. Vor allem liebte er Bach und Schubert.

Bild: De «Tischtelfink»

Sein Vater Johann Jakob Bächtold stammte aus der Randengemeinde Schleitheim. Er war Feldweibel, hielt auf Disziplin und neigte zum Jähzorn.

Aber er war ein flotter junger Mann und gewann das Herz der Tochter des Wilchinger Bezirksrichters und Grossrats Johann Jakob Böhm, Wirt und Händler «Zum Engel». Dieser hatte aber für seine Lieblingstochter Höheres im Sinn, als sie mit einem schlecht bezahlten Lehrer zu verheiraten. Das gab er ihr das ganze Leben zu spüren.

Jakob Bächtolds Sohn – Peter Rebmann genannt war noch keine drei Jahre alt, als sein Vater starb. Viel später, 1939, hat er dem Vater in seinem ersten gedruckten Roman «De Tischtelfink»ein Denkmal gesetzt.

Bild: Mutter «Hanna»

Die jung verwitwete Mutter Emma wurde von ihrem mächtigen, despotischen Vater Bezirksrichter und Grossrat kaum unterstützt. Umso lieber hatte der Wilchinger Dorfkönig seinen Enkel Albert, der so schön singen und erzählen konnte. Die von Albert so geliebte Mutter plagte sich mit einem kleinen Laden und als Marktfahrerin ab; auch sie starb früh, vorzeitig gealtert und erschöpft.

Die Bindung zu seiner Mutter war die stärkste in Albert Bächtolds Leben. Sie ist neben der Ich-Figur Peter Rebmann die wahre Heldin des Romans «De Hannili Peter» von 1940 – wohl sein grossartigstes Werk.

1. Von Wilchingen in die weite Welt

Bild: Kantonsschule Schaffhausen

Bächtold durfte die damals noch ganz neue Kantonsschule in Schaffhausen besuchen. Dort geriet der Klettgauer Seminarist in eine ganz andere Welt. Er litt öfters Hunger, wurde aber von tüchtigen Professoren gefördert. Diese Zeit beschrieb er 1947 im Roman «De Studänt Räbme».

Der Bub vom Land – «De Studänt Räbme» – erhielt den Übernahmen «Ross», und Bächtold meinte dazu: «Natüürlich hett im Adonis besser gfalle, aber e Ross isch schliesslich aliwill no e nööbler Wäse als en Esel.»

Bild: Merishausen

Junglehrer Albert Bächtold trat sein Praktikum im Randendorf Merishausen an. Dieses war ärmlicher als Wilchingen, wie dies Bächtold schon mit feinem Gehör am Glockengeläut zu hören glaubte; aus Wilchingen habe er dauernd das erhabene «Vinum bonum, vinum bonum…», also «guter Wein», gehört, beim hastigen Merishauser Glöcklein bloss «Öpfelmoscht, Öpfelmoscht.»

Später sinnierte er: «Die zwaa Jöhrli sind di schöönste vo mim ganze Läbe gsi. […] Am liebschte täät ich wider schuele do hinne, bi tumm gsii, dan i furt bi!»

Bild: In Russland

Doch Bächtold suchte die weite Welt. Als man einen Hauslehrer für ein Adelsgut bei Kiew suchte, reiste Albert Bächtold 1913 in die Ukraine. Seine zwei Romanbände «Pjotr Iwanowitsch» von 1950 halten die Erlebnisse in Russland fest. Aussergewöhnlich, ein Erlebnisbericht in und über Russland in Wilchinger Mundart – und erst noch sehr spannend zu lesen. Rasch lernte Bächtold die russische Sprache und auch die russischen Menschen kennen und schätzen.

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat er eine kaufmännische Stellung in Moskau an. Er fand Unterkunft beim dortigen reformierten Pfarrer, dessen Frau ihm eine mütterliche Gönnerin war.

Bild: Oktoberrevolution

Obwohl Bächtold glaubte, eine politische Veränderung im Zarenreich sei bitter nötig, verabscheute er den bolschewistischen Umsturz mit seiner unvorstellbaren Gewalt und seinen Leichenhaufen. Bei der Oktoberrevolution von 1917 verlor er die Stelle und sein Erspartes. Er litt wiederum Hunger. Wir sehen hier ein Dia mit Rotarmisten aus dem Besitz Bächtolds.

Bild: Rückkehr aus Russland

Es war für ihn ein Glück, als im Oktober 1918 850 Personen erlaubt wurde, in 28 Eisenbahnwagen vierter Klasse aus Moskau in die Schweiz zurückzukehren. Der grossgewachsene Bächtold gehörte dazu. Er wog gerade noch 51 Kilo.

Bild: USA-Reise

So kam Bächtold schlussendlich wieder nach Wilchingen. Aber er war jetzt ein Fremder. Er hielt Lichtbildervorträge über die russische Revolution und meinte: «Als ich sehen musste, dass es Leute gibt, die mit Volldampf bolschewistische Zustände bei uns einzuführen bestrebt sind, da ist mir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder einmal ein richtiger urchiger Schaffhauser Fluch entwischt.»

Nach nur einem Jahr in der Schweiz reiste er nach Amerika und wollte mit Vorträgen für die verarmten Russen-Schweizer Geld sammeln. Die dortigen Schweizer Vereine – hier in Portland –, so hielt er enttäuscht fest, interessierten sich aber mehr für seine Filme über die Schweizer Heimat.

2. Geschäftserfolge und Zusammenbruch

Bild: Kofferkino

Mit der Geschäftsidee des Kofferkinos kehrte Bächtold nach Hause zurück. Er hatte in jenen «goldenen» zwanziger Jahren überraschenden Erfolg und erwies sich als ausgezeichneter Kaufmann. Seine transportablen Kofferkinos aus den USA, für die er schliesslich sogar die Europa-Vertretung erreichte, erwiesen sich als Verkaufsschlager. Das Geld sprudelte nur so. Er soll damals zu einem der reichsten Schweizer avanciert sein.

Bild: Bächtold im Auto

Albert Bächtold fuhr seit 1923 das schönste, schnellste Auto in ganz Zürich. Er war eine bekannte Figur auf der Rennbahn Oerlikon und verfasste Reportagen für Sportzeitungen.

Der Flieger Walter Mittelholzer war sein Freund.

Kurz: Er lebte im Luxus, leistete sich Massanzüge, kaufte teure Teppiche und war umschwärmt von schönen Frauen.

Bild: Cousine Frieda

Das war sein Leben von aussen betrachtet. Im Inneren sah es anders aus. Zweimal war Albert Bächtold verheiratet, was bei seiner Ich-Figur «Räbme» nie erwähnt wird. Und persönlich wich er stets diesen Ereignissen aus. Als ich ihn einmal fragte, ob er eigentlich einmal verheiratet gewesen sei, antwortete er: «Meine beiden Frauen waren kurz mit mir verheiratet gewesen, aber ich nie mit ihnen.»

Die erste Ehe mit einer Bernerin scheiterte – an seinem Egoismus wie an seinem Mutterkomplex.

1932 heiratete er seine Cousine Frieda Böhm, das schönste Mannequin des Modehauses Grieder (hier auf dem Bild). Auch diese Ehe endete 1936 mit der Scheidung.

Bild: Börsenkrach

Die Wirtschaftskrise führte Bächtold finanziell in den Abgrund: Der Börsensturz von 1929 und die anschliessende Depression und Massenarbeitslosigkeit beendete jäh die wirtschaftliche Erfolgssträhne von Bächtold.

Seine Aktien waren nichts mehr wert, er verlor seine Generalvertretung.

Albert Bächtold wälzte Selbstmordgedanken.

Bild: Schriftsteller Bächtold

Es kam zu einer inneren Wandlung, in der Bächtold zum Einsiedler, aber eben auch zum Schriftsteller und zum Künstler wurde.

Später schrieb er: «Wän da Uugfell im Gschäft und di schlächte Ziite nid cho wäärid, wäär de Peter Räbme en Gäldverdiener plibe und si Läbe wäär kan Rappe wäärt gsi.»

3. Auf dem andern Weg

Bild: Haus zum Raben

Der 24. September 1937 wurde zum Wendepunkt. An einem literarischen Abend im «Haus zum Raben» von Rudolf Jakob Humm am Limmatquai las Bächtold einen eigenen, hochdeutsch geschriebenen Text vor. Da forderten Traugott Vogel und andere Schriftsteller Bächtold auf, in Mundart zu schreiben. Er empfand das zunächst als «Todesurteil», heulte sogar im Verborgenen, denn das verhiess eine kleinere Lesergemeinde, weil sich Mundart nicht leicht liest.

Bild: Älterer Schriftsteller Bächtold

Von nun an bewegte sich das äussere Leben Bächtolds in relativ eintönigen Bahnen. Er schrieb diszipliniert Buch um Buch – sämtliche in Wilchinger Mundart.

Vorbilder waren ihm die russischen und skandinavischen Dichter, aber auch Autoren von Entwicklungsromanen wie Goethe mit seinem «Wilhelm Meister» und Gottfried Keller mit dem «Grünen Heinrich».

Doch Bächtold schrieb nicht ein Buch, sondern zehn Bände, um sein Leben und manches ganz anderes zu erzählen.

Die Wilchinger, die sich wiedererkannten, waren zuerst nicht erfreut. «Kan Schlötterling, wo me mir nid aaghenkt hett», schrieb Bächtold rückblickend.

Bild: mit dunkler Brille

In späteren Jahren sah man Albert Bächtold oft mit Beret und dunkler Brille. Er litt an einer komplizierten Ablösung der Netzhaut. Zwei Operationen am Uni-Spital Zürich von 1942 misslangen, Bächtold verlor dabei das Sehvermögen eines Auges. Seine Erlebnisse im Krankenhaus hielt er im Buch «Wält ohni Liecht» fest. Er fürchtete fortan, zu erblinden und arbeitete umso härter. Als 1964 die Operation dann gelang und sein verbliebenes Auge dauernd gerettet war, verdankte er das 1972 mit dem auch für sein Leben und Schaffen versöhnlichen Werk «S isch groote».

Bild: Am Schreibtisch

Immer öfter durchstreifte Bächtold mit blauen Notizbüchern die Wilchinger Heimat, wo er längst wieder wohlgelitten war. Er lauschte den Redensarten der Menschen und hielt manche Ausdrücke fest. Er ärgerte sich aber auch weidlich, dass die moderne Zeit sogar im Klettgau Einzug hielt und die ursprüngliche Mundart bedrohte.

Aber Bächtold drängte es nicht zurück an seinen Geburtsort Wilchingen. Er ging auf Distanz und fühlte sich wohl in der kleinen Mietwohnung am Neumarkt, hoch über den Dächern der Zürcher Altstadt. Hier in Zürich fand er beim Stadtpräsidenten Emil Landolt viel Unterstützung.

Bild: im Häuschen in Aesch

Noch grössere Freude machte ihm aber das eigene Häuschen im Grünen, nämlich in Aesch auf der Forch, das er nach eigenen Vorstellungen ausbaute und zuletzt der Kirchgemeinde Maur als Kulturlokal vermachte.  Er nannte es abwechselnd Refugium, Bollwerk, Hexenhäuschen oder Kloster. Er lebte jetzt dauernd allein und kommentierte: «Bi mir haassts nümme Schätzili, bi mir haasts no no Bätzili.» Tatsächlich pflegte er das «Image» des armen Poeten, liess sich gerne einladen und fand, die Gesellschaft behandle die Schriftsteller schäbig. Der Kaufmann in ihm kam nie ganz zur Ruhe, und zur Überraschung aller hinterliess er ein ansehnliches Vermögen, das heute die Albert Bächtold-Stiftung zur Herausgabe seines Schrifttums verwaltet. Bis vor kurzem präsidierte diese Stiftung der frühere Wilchinger Gemeindepräsident Hans Ritzmann, der sich vorbildlich um Albert Bächtolds dichterische Hinterlassenschaft bemüht. Seit Mai 2019 präsidiert diese Stiftung wieder ein Wilchinger, nämlich Andreas Külling, Gymnasiallehrer in Basel.

4. Geratenes Leben

Bild: am Büchergestell

Äusserst diszipliniert arbeitete Bächtold an seinem Gesamtwerk und meinte: «Da isch de Knoote bi de maischte Schriftschtellere, da si maaned, wän si ‘nid im Schwung’ säjid, chöned si Blaue mache.» Aber auch bei Bächtold wechselten Selbstbewusstsein mit Depressionen, Schaffenskraft mit Selbstzweifeln. Er hatte sich entschlossen, sich auf die Darstellung und Enträtselung seines eigenen Lebens zu beschränken. Das reichte, um die ganze Welt zu erklären. Er nannte die Bücher seine Kinder und strich manchmal liebkosend über die Buchrücken. Alles andere interessierte ihn nicht – oder kaum. Ich habe ihn einmal gefragt: «Was lesen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit?» Seine Antwort: «Wän’s mer schlecht goot, lis ich Albert Bächtold, dänn goot’s mer wider besser.»

Bild: Der Vorleser

Bächtold war ein glänzender Vorleser seiner Werke und hat wohl über tausend Mal Lesungen gehalten. Der Einsiedler brauchte Zustimmung, Zuneigung und Herzlichkeit des Publikums. Als ihn ein Bewunderer fragte, wie er das mache, antwortete er: «Ich maches nid, ich b-i-sUnermüdlich und immer rigoroser setzte er sich für die unverfälschte Mundart ein und legte den Schaffhausern ans Herz: «Me sött überaal im Kantoon Fähne über d Stroosse hänke mit der Ufschrift: Chuuderwältsche ischt erger weder gfluechet.»

Bild: mit Mädchenrealschule Schaffhausen

Besonders gern las Bächtold jährlich vor der Mädchenrealschule in Schaffhausen vor. Der «Bää», wie er dort und bald allgemein benannt wurde, erzählte, wie er sich gefreut habe, von den Schülerinnen mit lautem Jubel und Applaus empfangen zu werden. Als er ein Mädchen nach der Ursache der Begeisterung fragte, antwortete dieses: «Wil e Algebra-Schtund usfellt!»

Bild: Alter Bächtold

Mit zunehmendem Alter mehrten sich die Zeichen der Anerkennung, auch von grossen Literaturwissenschaftlern. Die Preise im In- und Ausland blieben nicht aus.

Selbst Schaffhausen erinnerte sich jetzt oft und gern an seinen bedeutenden Sohn.

Die Wilchinger überreichten ihm das Ehrenbürgerrecht, was ihn freute, könne er doch jetzt zwischen dem «Schlaatemer» und dem Wilchinger Armenhaus auswählen…

Bächtolds Ich-Bezogenheit und sein Sparsamkeitswahn brachten selbst Freunde zum Verzweifeln.

1974 – nachdem ich sämtliche Bächtold-Bücher gelesen hatte – suchte ich ihn am Neumarkt auf. Kurz vor diesem Tag war seine Wohnung abgebrannt. Er klagte, er müsse jetzt ins Altersheim. Meine Antwort war: «Das geht nicht. Da gehen Sie zugrunde, aber die anderen Bewohner auch!»

Ich konnte ihm 1974 in Meilen oberhalb des alten Elektrizitätswerkgebäudes eine günstige Wohnung besorgen.

Bächtold verstarb 1981 im Alters- und Pflegeheim Sonnenhalde in Grüningen. Früher hatte er sich einmal notiert: «S’Stäärbe isch s Letscht, wo me macht und maischtens nid emol s Tümmscht.»

Bild: Ortsmuseum Wilchingen

Albert Bächtold fand sein Grab in seiner alten Heimat, am Fuss des Kirchturms von Wilchingen.

Die Wilchinger haben ihm eine schöne Albert-Bächtold-Stube im Ortsmuseum eingerichtet.

Doch hören Sie zum Schluss, was Albert Bächtold über seine ihm wohlbekannten Schaffhauser, mit denen er oft sehr kritisch umgegangen war, meinte: «Wän emol de Härrgott nümme waass wo uus und ie, mon er no d’Schafhüüsler froge, die säged im scho wo dure.»

Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher von nah und fern – nicht nur aus dem Kanton Schaffhausen – empfehle ich: Lesen Sie Albert Bächtold, es werden für Sie reiche Stunden sein!

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