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Referat
Medienkonferenz vom 07. Mai 2009

Gebt uns den Schulmeister zurück

Man kann ihn durch die Mangel drehen wie man will – die Pädagogik hat es seit den 60er Jahren im Namen der „Wissenschaftlichkeit" immer wieder praktiziert – der Lehrer ist einfach nicht tot zu…

Man kann ihn durch die Mangel drehen wie man will – die Pädagogik hat es seit den 60er Jahren im Namen der „Wissenschaftlichkeit“ immer wieder praktiziert – der Lehrer ist einfach nicht tot zu kriegen. Dabei wurde nichts unversucht gelassen, um den Pfeiler des Unterrichts einzubinden und demokratisierend flach zu legen. Des Schülers grosser Bruder sollte er werden, sein Psychiater, sein Spielgefährte, um ihn abzubringen von seiner eigentlichen Rolle als Wissensvermittler und Meister seines Fachs.

In der neuen, vor lauter Horizontalität flach und niveaulos gewordenen Schule darf es aber keine Meister, keine nach oben strebenden Pfeiler, keine Hierarchie mehr geben. Nicht die fernen Himmel des Wissens gilt es mehr anzustreben, nein, der Schüler hat ja alles schon in sich und soll aus seinen Innereien herauslesen, was die menschliche Zivilisation seit Jahrtausenden erfunden und geschaffen hat. Der Ertrag ist dürftig und kaum erhebend. Weder für den Schüler noch für den Lehrer. Der Erstere schaut sich selbst beim Stochern in der eigenen Ignoranz zu und der letztere schaut ihm beim Zuschauen zu. Ach, wie zerstörerisch erbaulich. Doch es geschieht mit der besten Absicht: Das unglückliche Mozartkind soll durch einen glücklichen Barbaren ersetzt werden. Durch einen, der eines Tages die Gemeinplätze der neuen Weltordnung dankbar abgrast und das Feld der guten Absichten gehorsam mit den Banalitäten düngt, die aus ihm raus kommen.

Um zu diesem Resultat zu gelangen müssen dem Lehrer die Flügel gestutzt werden. Er könnte es sonst mit Erhebung versuchen, den freien Flug zum Olymp der Kultur vormachen und womöglich die Schüler dazu verleiten, es ihm gleich zu tun. Warnend wird das Beispiel des Ikarus erwähnt. Wer sich zu nah an die Sonne wagt, stürzt ins Meer. Also lieber im Labyrinth bleiben, im Schatten sicherer Mauern, die die Welten bedeuten, weil man keine anderen Welten mehr erkunden will.

Wen wundert‘s, wenn der Lehrer in dieser Scheinübung seine Motivation verliert und der Nachwuchs immer dürftiger wird, weil die edelste Tätigkeit des Menschen, das Herausführen der Jugend aus Unwissenheit und Abhängigkeit, hin zu Wissen, Fachkompetenz und Selbstverantwortlichkeit, völlig abgewertet wurde? Da die meisten Lehrer jedoch widerstehen und noch glauben, Wissen vermitteln zu müssen und auf Autorität, Pflicht und Ordnung bauen, wurden immer öfter Berufspädagogen und Didaktiker bemüht – alles seriöse Wissenschaftler – die sie von der verpönten Kernaufgabe des Unterrichts – dem Unterrichten – ablenken sollen.

Damit der Lehrer in der Praxis ja nicht mehr den Fehler begeht, etwas vermitteln zu wollen, weil das die Freiheit der Schüler einschränken könnte, wird er zum Virtuosen des Formularausfüllens umdisponiert. Er soll werden, was die Pädagogen schon längst geworden sind: Ein realitätsfremder Schreibtischtäter. Seine Finger werden allabendlich klamm vom Berichte verfassen, Statistiken erstellen, Gutachten austüfteln. Aber es lohnt sich, denn das ist ja alles so objektiv, so verwertbar, so wissenschaftlich. Dabei ist die Pädagogik, streng genommen, gar keine Wissenschaft, sondern Zuwendung, Berufung und pulsierendes Leben.
Doch wo käme man hin – so lassen die verwissenschaftlichten Pädagogen verlauten – wenn man den Lehrer in seiner ganzen Subjektivität auf die Schüler los liesse. Du lieber Schreck! Nein, dann lieber die verstaubte Objektivität schön klassierter Berichte und Formulare. Die geben den Schulbürokraten zumindest den Eindruck, nützlich zu sein, weil sich ihre Wirksamkeit an der Höhe der aufgeschichteten Stapel abmessen lässt.

Meine Damen und Herren: Ich bin seit dreiundzwanzig Jahren Lehrer und darf wohl sagen, dass ich mich bei den Schülern einer gewissen Beliebtheit erfreue. Warum? Weil ich meinen ehemaligen Deutsch- und Geschichtslehrer im Lehrerseminar zum Vorbild genommen habe und ihm nacheifere. Diesem Ausnahmelehrer ist es überhaupt zu verdanken, dass ich ein Universitätsstudium absolviert habe und heute neben dem Lehrberuf auch noch literarisch tätig bin.

Er hat mir damals das Einzige vermittelt, was wirklich zählt: Die Leidenschaft und den Drang, immer weiter zu gehen in der Erkundung der reichen menschlichen Kulturgeschichte, um eines Tages selber meinen kleinen, bescheidenen Beitrag beisteuern zu können.

Er durfte aber noch Lehrer sein, ein Meister seines Fachs. Er durfte sich in seiner unantastbaren Autorität sonnen, denn er war uns fachlich haushoch überlegen. Doch er blieb nicht auf dem Olymp seines immensen Wissens, sondern er stieg zu uns in den Sumpf der Ignoranz, nahm uns an die Hand und führte uns Schritt für Schritt aus Trägheit und Unmündigkeit edleren Gipfeln zu. Und wir folgten ihm, weil er an seinen Auftrag glaubte, weil er AN UNS glaubte, weil er wusste, dass der Mensch erst durch einen langen Lernprozess zum Menschen wird. Wir folgten willig, weil er seine Pflicht liebevoll erfüllte. Im Kontakt mit allem Grossen und Erhabenen, was der Mensch je erschaffen hat, gelang es ihm, uns zu vermenschlichen, also über den Weg der Welterkundung zu uns selbst zurück zu führen.

Mein Deutschlehrer war ein Idealist. Er war ein Eisbrecher, ein Widerstandskämpfer. Und genau das bin ich auch geworden. In meinen ersten Jahren als Lehrer habe ich zuerst den seichten Sumpf der Pädagogik verlassen, indem ich mich wie der Baron Münchhausen selber aus dem Morast herauszog. Ich machte dem Veitstanz um die sich selbst zelebrierende Leere ein Ende und begann, meinen Schülern die Befriedigung zu vermitteln, sich anzustrengen und etwas zu lernen. Ich bemühte mich in ihren Köpfen, Baustein um Baustein, eine unsichtbare Kathedrale aufzubauen, die ihnen ihr ganzes Leben erlauben wird, die Welt ehrfurchtsvoll und doch kritisch anzugehen. So wie ich noch immer von den Deutschstunden meines Vorbilds zehre, von seinen unnachahmbaren Analysen von Schillers „Maria Stuart“, Frischs „Homo Faber“ oder Musils „Verwirrungen des Zöglings Törless“, sollen sie eines Tages in schwierigen Lebenslagen zurückdenken an Rilkes „Panther“, Trakls „Grodek“ oder Celans „Schwarze Milch“.

Denn in jedem dieser Gedichte liegt ein Bruchstück unseres eigenen Schicksals verborgen, werden die Fallen beschrieben, denen wir entgehen müssen, wenn wir nicht der Verzweiflung erliegen wollen.

Kultur sei weltfremd, behaupteten die 68er, sie sei suspekt, weil sie fragwürdige Werte vermittle. Also lieber gar nichts mehr vermitteln, lieber Freiheit im leeren Raum, planschen im Undefinierten.

Wie soll aber einer Werte in Frage stellen, die ihm gar nicht erst vermitteln wurden, wie soll einer Autoritäten herausfordern, die keine mehr sind, Berge besteigen, die flach gelegt wurden?

Einem solchen Menschen bleibt in der Tat nichts mehr anderes übrig, als Formulare auszufüllen und Statistiken zu verfassen und sie zu Bergen aufzutürmen, um sich die Illusion von Profil zu geben. Er wird zum Buchhalter eines Lebens und Unterrichtens, die es gar nicht mehr gibt.

Kein Zweifel: Im Vergleich zu jedem pädagogischen Bericht ist ein einfacher Vierzeiler Gottfried Benns von erfrischender Lebensnähe. Im Vergleich zu Hölderlins „Hälfte des Lebens“ kommt einem jedes Formular wie ein ganzer Tod vor.
Man lasse die Pädagogen ihre eigenen Formulare ausfüllen mit ihrer geistigen Leere und es bleibt die Hoffnung, dass sie sich auf diesem Weg selber ungeschehen machen.

In Erwartung dieses seligen Tages erlaube ich mir jedoch vorbeugend und abschliessend, mit den Waffen der Poesie zurück zu schlagen:

Schulbetrieb

Es zog mich einst die Jugend an,
Die, dacht‘ ich, was verändern kann,
Denn schliesslich braucht es junge Knochen
Will man die Zukunftssuppe kochen.

Ich trat in ein Gymnasium
Und roch mich in den Gängen um;
Dort schwebten sonderbare Schwaden,
Die war’n mit Weisheit kaum geladen,

Denn was die Alten einst gesungen
Erstickte in den jungen Lungen.
Die krähten laut und tiefgerührt,
Dass nur der Joint zur Freiheit führt.

Es hatte sich, auf Druck von oben,
Das alte Schwergewicht verschoben.
Zu Rauchwerk war die Schul‘ verkommen
Und Frau Kultur stand wie benommen.

Statt seine Fibel zu studieren
Wollt‘ sich das Jungvolk amüsieren,
War stolz auf seine Wissenslücken
Und liess sich durch kein Joch mehr drücken.

Die alten Lehrer, die Pedanten,
Erschlug man mit ihren Atlanten
Und packte in die dicken Ranzen
Der Schüler nur noch Ignoranzen,

Denn Leere zeugt von Offenheit.
Drum öffnet‘ man die Fenster weit
Und spuckte auf die greise Glatze
Des Abwarts auf dem Pausenplatze.

Vom altehrwürdigen Latein
Blieb eine Feststellung allein:
Man war bedacht, in media res,
Auf panem nur und circenses.

Doch jene Pädagogenratten,
Die dies alles verursacht hatten,
Liess man, anstatt sie zu vertreiben,
Darüber weise Bücher schreiben.

Darin ward, treffend und pointiert,
Die Unkultur brav definiert
Als pädagogisches Verfahren
Zur Integrierung der Barbaren.

Nun ist ein jeder integriert,
worin, das wird nicht eruiert,
sonst merkt am Ende die Nation
Die eigne Desintegration.

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