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Lernen fürs Leben

Als ich das VBS übernommen habe, übernahm ich damit auch eine der ältesten Bildungsinstitutionen des Bundes. Ich spreche nicht von der militärischen Ausbildung, ich denke nicht an Rekruten…

von Bundesrat Ueli Maurer, Wernetshausen (ZH)

Als ich das VBS übernommen habe, übernahm ich damit auch eine der ältesten Bildungsinstitutionen des Bundes. Ich spreche nicht von der militärischen Ausbildung, ich denke nicht an Rekruten-, Unteroffiziers- oder Offiziersschulen.

Ich meine die Rekrutenbefragung. Diese gibt es seit 137 Jahren. 1875 wurde sie erstmals durchgeführt. Heute heisst sie „Eidgenössische Jugendbefragung ch-x“. Im Zweijahresrhythmus werden alle stellungspflichtigen Männer sowie rund zweitausend 19-jährige Frauen befragt.

Die Befragung dreht sich nicht um das Militär; es geht um die Schulbildung, die Allgemeinbildung und das staatsbürgerliche Bewusstsein der jungen Schweizer. In neueren Befragungen auch immer mehr um Werte, Lebenshaltung und Befindlichkeit.

Ziel der Prüfung war von Anfang an, landesweit den Bildungsstand zu erheben. So konnte man auf die Qualität der kantonalen Schulwesen schliessen. Offenbar fielen die ersten Resultate sehr ernüchternd aus. Die Ergebnisse wurden zum Politikum und an Lehrerkonferenzen wurden die Ursachen diskutiert.

Unter anderem wurde festgestellt, dass es die Rekruten auf der Sonnenseite der Gebirgszüge zu besseren Leistungen brachten. Woraus unter anderem abgeleitet wurde: „Die Bewohner sonniger Abhänge mögen durchschnittlich auch geistig entwickelter sein, als die auf der Schattenseite.“

Das zumindest war die Schlussfolgerung einer Schrift, die im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern 1893 zum schweizerischen Schulwesen herausgegeben wurde.

Aufs Leben vorbereiten
Andere Schlussfolgerungen scheinen uns einleuchtender. Sie führten denn auch zu wichtigen Reformen: Zu einer schärferen Durchsetzung des obligatorischen Schulbesuchs, zur Einführung von Fortsetzungsschulen, zur Einführung eines obligatorischen Geschichtsunterrichtes oder zur Konzentration des Unterrichtsstoffes.

Rückblickend können wir sagen: Das Schweizer Schul- und Bildungssystem wurde zu einem Grosserfolg. Als Land ohne Rohstoffe machte die Schweiz die Ausbildung zu ihrer Ressource. Unser Wohlstand und unsere Lebensqualität sind also zu einem bedeutenden Teil unserem Erziehungswesen zu verdanken.

Und damit ist auch schon gesagt, wie wichtig die Bildung für unser Land ist. Nur: Bildung allein genügt nicht. Die Bildung muss verwertbar sein. Schüler müssen fürs Leben lernen. Nicht für den Elfenbeinturm. Und auch nicht für Erziehungsdirektoren oder Pädagogikprofessoren.

Lernen fürs Leben – Das ist die einfache, aber bestechende Idee hinter den Rekrutenprüfungen. Seit 137 Jahren können wir nachprüfen, was unsere Schulen taugen; ob und wie die jungen Leute aufs Leben vorbereitet sind.

Pestalozzis Schule fürs Leben
Als die Rekrutenprüfung eingeführt wurde, war das Lernen fürs Leben noch keine Selbstverständlichkeit. Bildungsreformer klagten damals im 19. Jahrhundert, die Kinder würden in den Schulen nur Bibeltexte auswendig lernen müssen. Und aus der kurzen Schulzeit würden sie nichts anderes mitnehmen, als einzelne Text-Bruchstücke, die sie gar nicht verstünden.

Es gehörte zu den grossen Leistungen von Pädagogen wie Johann Heinrich Pestalozzi, dass sich das änderte. Ihm ging es darum, junge Menschen auf ihre Zukunft vorzubereiten. Er sprach von Kopf, Herz und Hand. Damit meine er die intellektuellen, die sittlich-religiösen und die handwerklichen Fähigkeiten.

Pestalozzi verband Spinnen, Weben und landwirtschaftliches Arbeiten mit Singen, Zeichnen und Schulunterricht. Das tönt heutzutage sehr idyllisch. Schule auf dem Bauernhof, das scheint uns vielleicht weltfremd und abgehoben. Aber wir vergessen die Zeitumstände. Der weitaus grösste Teil der Bevölkerung arbeitete damals in der Landwirtschaft oder lebte als Heimarbeiter vom Weben und Spinnen.

Pestalozzi machte also nichts anderes, als dass er in seiner Ausbildung die wirtschaftliche Realität exakt abbildete. Er bereitete seine Zöglinge auf das Wirtschaftsleben vor, in dem sie später bestehen mussten. Und das verband er mit einer schulischen Ausbildung.

Kinder und Jugendliche sollen in der Ausbildung vermittelt erhalten, was sie an Wissen und Können später im Leben brauchen. Die Ausbildung muss also auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Wirtschaft reagieren.

Dass Kinder und Jugendliche fürs Leben lernen sollen ist darum ein zeitloser Grundsatz. Das Ziel ist dasselbe – damals wie heute: Wir wollen den Schülern die Grundlagen vermitteln, um sich im wirtschaftlichen Wettbewerb bewähren zu können. Und wir wollen ihnen das Rüstzeug geben, um selbstverantwortliche Staatsbürger zu werden.

Erwartungen an Schule und Lehrer
Das führt uns zu den Erwartungen an die Schule und an die Lehrer: Wir machen einen Fehler, wenn wir glauben, mit teuren Lehrmitteln, toller Infrastruktur und detailgenauen Lehrplänen könnten wir den Lehrer als Persönlichkeit ersetzen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass unter dem Strich die Lehrerin oder der Lehrer mehr zählen als alles andere. Nur sie können begeistern, Neugierde wecken, Vorbild sein und auch Grenzen setzen.

In meiner Primarschule unterrichtete ein Lehrer sechs Klassen mit insgesamt 38 Kindern in einem Schulzimmer. Geht das? Heute würde man sagen: Das kann nicht gut gehen, aus diesen armen Kindern wird nie etwas Rechtes.

Ich meine, so schlecht ist es nicht gegangen. Dank einem hervorragenden Lehrer, den ich in den ersten Jahren hatte, habe ich viel fürs Leben gelernt. Am Morgen um sieben Uhr begann der Unterricht für die vierte bis sechste Klasse, später für die Jüngeren. Während einem Teil der Zeit unterrichtete der Lehrer die verschiedenen Klassen parallel. Das hatte den Vorteil, dass man den Stoff der höheren Klassen schon früh einmal hörte. Und der Unterricht förderte die Selbstverantwortung: Ältere Schüler wurden zu Hilfslehrern und halfen den Kleineren. Darauf war man dann stolz und man versuchte sich schon ein erstes Mal in einer Vorbild- und Führungsfunktion.

Zugegeben, für den Lehrer waren das keine einfachen Voraussetzungen. Aber es ist der beste Beweis, dass es viel mehr auf die Persönlichkeit des Lehrers ankommt, als auf andere Umstände. Darum bin ich überzeugt, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die Ausbildung und Arbeit der Lehrer richten müssen. Ich will das in vier Thesen zusammenfassen:

Gute Lehrer nicht mit Bürokratie belasten
Erstens: Gute Lehrer nicht mit Bürokratie belasten. Wenn ich mit Lehrerinnen und Lehrern spreche, ist der Tenor immer der gleiche: Die organisatorischen und administrativen Arbeiten werden aufwendiger. Gute Lehrer fühlen sich am Gängelband der Bildungstheoretiker. Viel Zeit geht an die Bürokratie verloren. Das ist Zeit, die für die Arbeit mit den Schülern fehlt.

Letztlich ist es auch hier eine Frage der Eigenverantwortung. Lehrern, die unsere Kinder zu eigenverantwortlichen Bürgern erziehen sollen, muss man diese Eigenverantwortung auch in der Unterrichtsführung und Stoffvermittlung zugestehen.

Ich meine, wir müssen den Lehrern wieder mehr Vertrauen entgegenbringen, dass sie ihre Arbeit gut machen.

Wer lehrt, muss mit beiden Beinen im Leben stehen
Zweitens: Wer lehrt, muss mit beiden Beinen im Leben stehen. Wer fürs Leben lernen soll, muss auch von jemandem unterrichtet werden, der das Leben kennt und sich im Leben bewährt. Wir brauchen nicht Hors-Sol-Lehrer, sondern solche, die fest auf dem Boden der Realität stehen. Für die Lehrerausbildung bedeutet das: Etwas weniger Theorien, dafür mehr Lebenserfahrung.

Eine weitere, noch stärkere Verakademisierung des Lehrerberufes ist daher abzulehnen.

Sozialkompetenz verlangt Vorbilder
Drittens: Sozialkompetenz verlangt Vorbilder. Lehrer sollen nicht nur formales Wissen vermitteln, sondern auch Sozialkompetenz. Wie man sich einsetzt, wie man sich benimmt, das ist oft noch wichtiger, als was man weiss. Es geht um bewährte Tugenden wie Anstand, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Selbstdisziplin. Das tönt vielleicht für gewisse Bildungsspezialisten altmodisch; aber welcher Unternehmer stellt schon einen Lehrling ein, der zu spät kommt, ungenau arbeitet und dazu noch unhöflich ist?

Das Vermitteln von Sozialkompetenz stellt Anforderungen an die charakterliche Eignung der Lehrer: Ein Lehrer muss vorleben können, was er von seinen Schülern einfordert.

Fordern ist fördern
Viertens: Fordern ist fördern. Kinder sind neugierig. Kinder leisten gerne. Das sind beste Voraussetzungen, sie aufs Leben vorzubereiten. Spielerisches Lernen ist gut und recht, aber Leistung und Wettbewerb dürfen keine Fremdworte bleiben. Es ist eine wichtige Aufgabe eines Lehrers, dass er einen gesunden Wettbewerbsgeist vermittelt, sei es auf dem Sportplatz oder im Klassenzimmer.

Wir tun den jungen Menschen keinen Gefallen, wenn alles immer nur Spiel und Spass ist. Denn schliesslich ist das Leben später auch kein Spiel. Wenn wir sie nicht aufs Leben vorbereiten, gehen sie mit einem schwerwiegenden Defizit an den Start des Berufs- und Erwerbslebens. Und dort treten sie an in einem globalen Wettbewerb. Sie treten an gegen hunderte von Millionen junger Leute aus aufstrebenden Volkswirtschaften, gegen Leute, die nicht von Wohlstand übersättigt sind und die voller Erfolgshunger vom frühen Morgen bis zum späten Abend hart arbeiten.

Fazit
Gute Lehrer nicht mit Bürokratie belasten – Wer lehrt, muss mit beiden Beinen im Leben stehen – Sozialkompetenz verlangt Vorbilder – Fordern ist fördern. Eigentlich sind diese vier Thesen ja naheliegend. Und sie sind auch nichts Neues. Ein grosser Teil unseres Bildungserfolges beruht darauf. Umso wichtiger ist es, uns nicht in abstrakten Bildungstheorien zu verlieren.

Da kommt mir ein Zitat von Goethe in den Sinn: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Auch das habe ich in der Schule gehört und fürs Leben gelernt.

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