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Schulpolitische Herausforderungen in den Kantonen

Meine Ausführungen zu den schulpolitischen Herausforderungen in den Kantonen stützen sich auf meine Erfahrungen, die ich in 15 Monaten als Bildungsdirektor des Kantons Zug gemacht habe. Sie haben…

von Regierungsrat Stephan Schleiss, Steinhausen (ZG)

Meine Ausführungen zu den schulpolitischen Herausforderungen in den Kantonen stützen sich auf meine Erfahrungen, die ich in 15 Monaten als Bildungsdirektor des Kantons Zug gemacht habe. Sie haben eine gewisse Subjektivität. Nicht alle Befunde lassen sich auf alle Kantone übertragen. Aber die grossen Linien und die Schlussfolgerungen stimmen gewiss landesweit überein.

Schulpolitik ist wichtig
Zum einen bindet die Bildung grosse Mittel – und zwar auf allen Staatsebenen. Beim Bund werden gut 10 Prozent für die Bildung aufgewendet; das ist für alle gleich. Die Aufteilung zwischen kantonaler und gemeindlicher Ebene ist in jedem Kanton anders. In Zug sind die Verhältnisse so, dass der Kanton rund einen Achtel und die Gemeinden bis zur Hälfte ihres Budgets für die Schulen aufwenden. Wer also für einen freiheitlichen und schlanken Staat einsteht, der muss sich auch um Bildung und Schulen kümmern.

Andererseits ist die Tendenz zu beobachten, dass die demokratische Kontrolle und Handlungsfreiheit erschwert wird. Es gibt den starken Trend, dass immer mehr Kompetenzen der Kantone auf die sprachregionale oder die schweizerische Ebene verschoben werden, das heisst zur D-EDK oder zur EDK. Auch wenn dies ab und zu in der Sache gerechtfertigt ist, so bleibt es in jedem Fall eine Einschränkung der kantonalen Handlungsfreiheit und steht letztlich im Widerspruch zum föderalen Staatsaufbau. Zudem stärkt dieser Trend die Macht der Bürokraten und Experten. Und die Expertokratie fällt in der Schule auf fruchtbaren Boden. Allzu schnell reagiert die Schule auf politische Forderungen mit dem Vorwurf, die Schule werde „verpolitisiert“. Vor zwei Wochen hat das Zuger Volk entschieden, dass die Schulkinder wieder ab der zweiten Primarklasse Noten erhalten. Im Abstim-mungskampf gab es Schulleiter, die sich allen Ernstes empörten, dass das Volk in dieser Frage mitredet. Zum Beispiel schrieb einer in einem Leserbrief, dass schliesslich nicht jeder, der einmal zur Schule ging, ein Bildungsfachmann sei. Das halte ich für völlig falsch. Die politische Auseinandersetzung tut der Schule gut. Wenn die Schule der Öffentlichkeit nicht mehr einleuchtend erklären kann, was sie wieso macht, dann stimmt etwas nicht mehr – und wird zurecht hinterfragt. Wer sich für die Volksschule interessiert und ihre Entwicklungen auch hinterfragt, der nützt ihr.

Herausforderung: Die demokratische Mitsprache muss erhalten bleiben, weil sie der Schule gut tut. Die kantonale Schulhoheit muss deshalb so weit wie möglich bewahrt werden, und die Schule muss sich der politischen Debatte stellen. Sie darf nicht den selbsternannten Experten vorbehalten bleiben.

Schulpolitik muss den Unterricht verbessern und nicht die Welt
Wer die Welt verbessern will, hat in der Regel ein Problem: Es interessiert zu wenige Menschen. Deshalb drängt eine grosse Zahl von Organisationen an jene Orte, wo die Menschen nicht ausweichen können. Einer davon ist die Schule – wegen der Schulpflicht. Es gibt Umweltverbände, die kostenpflichtige Lehrmittel oder Re-ferenten für Unterrichtsbesuche anbieten. Tierschützer bieten die kostenpflichtige Dienstleistung von speziell qualifizierten „Schulbesuchshunden“ an. Die Präven-tionsexperten des Bundesamts für Gesundheit möchten sich um die Übergewichti-gen Schüler kümmern und schleichen sich via Gesundheitsförderung Schweiz und die Fachgruppe Schulärzte an. Solche Avancen sind zwar zahlreich, aber einiger-massen harmlos.

Herausforderung: Die Schule ist zum Lernen da: Lesen, Schreiben, Rech-nen. Sie darf nicht zum Ort werden, wo jedes gesellschaftliche oder ge-sundheitliche Problem bewirtschaftet wird, bloss weil die Kinder dort am bequemsten zu erreichen sind.

Wesentlich fundamentaler und gefährlicher als solche Bewusstseinskampagnen sind aber jene Bestrebungen, die das soziale Gefüge über die Schule verändern möchten. Im Nachgang zu den PISA-Erhebungen wurde in internationalen Studien herausgefunden, dass die Schulsysteme in Deutschland und in der Schweiz im Vergleich stark separativ ausgerichtet sind. Als separativ gilt unser Schulsystem, weil am Ende der Primarschulzeit die Schüler nach Leistungsniveau getrennt in unterschiedliche Schularten eingeteilt werden: Real, Sek oder Gymi. Als Gegen-modell dazu wird oft Finnland genannt, wo das Schulsystem als integrativ gilt, weil dort die Schüler über die ganzen neun Jahre zusammen bleiben und am Schluss über die Hälfte die Matura macht. Gemäss PISA sind die Finnen top, die Schweizer aber nur mittelmässig.

Auf Basis dieser internationalen Schulstruktur-Vergleiche behaupten beispielsweise die vom Bund massgeblich finanzierten Schweizerischen Akademien der Wis-senschaften, das schweizerische Schulsystem sei ungerecht. Die Selektion führe nämlich dazu, dass die bestehenden sozialen Verhältnisse reproduziert würden. Es wird behauptet, das schweizerische Schulsystem sei eine „gewaltige, auf die für das 19. Jahrhundert typische Drei-Klassen-Gesellschaft ausgerichtete Sortiermaschine“ (Das steht tatsächlich in einem vom Bund mitfinanzierten Grundlagenbericht!). Die Forderung oder Empfehlung ist somit auch schon gegeben: Integrieren wir alle Schularten in eine einzige, dann sind die Probleme gelöst.

  • Aber stimmt das tatsächlich? Ist unser System ungerecht? Sind die Finnen schlauer? Ist unser System schlechter? Der internationale Vergleich ist auf-schlussreich:
    Ausländeranteil Schweiz: 22 %, Ausländeranteil Finnland: 2 %
  • Maturaquote Schweiz: etwas über 20 %, Maturaquote Finnland: über 50 %; Hochschul-Zugang Schweiz: bis auf Numerus clausus in der Medizin ohne Prüfung, Hochschul-Zugang Finnland: in der Regel mit streng selektiver Eintrittsprüfung
  • Jugendarbeitslosigkeit Schweiz: 3,5 % im Januar 2012, Jugendarbeitslosig-keit Finnland: traditionell um die 20 % herum.

Ich bezweifle, dass der Spitzenrang der Finnen mit ihrem integrativen Schulmodell zu tun hat. Bevor ich dieses auf Schweizer Verhältnisse anwenden würde, müsste ich sehen, wie es mit einem Ausländeranteil von 22 statt 2 Prozent funktioniert.
Ich frage mich, was eine finnische Matura noch wert ist, die zwar ohne Leistungs-selektion zu erhalten ist, aber vor dem Hochschul-Zugang ein streng selektiver Eintrittstest zu absolvieren ist?
Schlicht nicht nachvollziehbar ist für mich, wenn behauptet wird, das integrative Modell in Finnland sei gerechter, weil es weniger selektiv ist. Erzählen Sie das einem arbeitslosen Jugendlichen in Finnland. Dort ist jeder fünfte arbeitslos, in der Schweiz nicht einmal jeder zwanzigste. Auf die Idee, es sei gerecht, wenn es allen gleich schlecht geht, kommen nur die Sozialisten.

Herausforderung: Ziel der Schulentwicklung muss der bessere Unterricht sein. Projekte der Schulentwicklung sind konsequent von linksideologi-schem Ballast zu befreien.

Schulpolitik darf die Kosten nicht aus den Augen lassen
Dass für die Bildung viel Geld ausgegeben wird, habe ich bereits ganz am Anfang erwähnt. Das ist so auch in Ordnung. Bildung ist eine wichtige Ressource. Und wir Schweizer sind gut beraten, unseren eigenen Nachwuchs mindestens so gut aus-zubilden, wie dies in unseren Nachbarstaaten geschieht. Es bringt uns nichts, die eigene Akademikerquote künstlich tief zu halten, um dann via Personenfreizügig-keit zu Tausenden deutsche Ärzte und Ingenieure ins Land zu holen. Und doch muss auch die Schule aufpassen, dass sie in Sachen Ausgaben den Bogen nicht überspannt. Es gibt viele Faktoren, welche die Kosten beeinflussen. Tendenziell immer tiefere Durchschnittspensen der Lehrerinnen und Lehrer erhöhen die Kosten ebenso, wie zu kleine Klassen.

Es sind aber vor allem die strukturellen Anpassungen kritisch zu hinterfragen. Ty-pischerweise werden diese über Reformen und Experimente herbeigeführt. Das klassische Beispiel dazu ist die Eingangsstufe. Im gross angelegten Versuch der EDK-Ost wurde als Fazit aus den Evaluationsstudien gezogen, dass in der alters-gemischten Eingangsstufe (ich zitiere) „die Kinder zumindest nicht weniger lernen als in Jahrgangsklassen.“ Zusätzlich muss man wissen, dass gemäss der gleichen Studie die altersgemischte Eingangsstufe pro Klasse zwischen 140 und 160 Stel-lenprozente braucht, also teurer ist als der traditionelle Kindergarten. Eine Schul-reform zu machen, damit man mit mehr Geld bestenfalls das gleiche Ergebnis erzielt – das ist nicht klug!

Herausforderung: Die Anzahl der Reformen muss zurück gehen und die Schulen wieder einmal zur Ruhe kommen. Notwendige Reformen müssen in einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis stehen.

  • Ich komme zum Schluss und formuliere ein Fazit:
    Die Politik muss sich um die Schule kümmern – und zwar auf mög-lichst tiefer Staatsebene. Der eigentliche Film läuft in der gemeind-lichen Schulpflege.
  • Gesellschaftliche Probleme dürfen nicht an die Schule delegiert werden, nur weil es bequem ist.
  • Im Zentrum der Schulentwicklung muss der gute Unterricht stehen – und keine Gesellschaftsutopien. Ideologischer Ballast ist abzulegen.
  • Auf Reformen mit einem schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnis ist zu verzichten. Generell hat unsere Volksschule weniger Reformhektik nötig.
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