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Referat

Würdigung von Stadtberner Persönlichkeiten und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz

Vortrag, gehalten anlässlich der «Bächtelistag»-Neujahrsveranstaltung am 2. Januar 2022, 11.00 Uhr, Stade de Suisse, Bern

Es gilt das schriftliche und das mündliche Wort. Der Redner behält sich vor, auch stark vom Manuskript abzuweichen.

Adrian von Bubenberg (um 1434–1479)
Der Held von Murten 

Karl Stauffer-Bern (1857–1891)
Genie und Tragik 

Markus Feldmann (1897–1958)
Gegen braune und rote Fäuste

Herr OK-Präsident,
Liebe Bernerinnen und Berner von Stadt und Land,
Getreue, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der übrigen Eidgenossenschaft,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Frauen und Männer!


Bild 2: von Bubenberg, Stauffer-Bern, Feldmann

Es ist gute Tradition, dass wir jeweils am 2. Januar – dem Bächtelistag – Persönlichkeiten aus Schweizer Regionen würdigen. Begonnen haben wir vor 15 Jahren, in Aarberg, mit drei grossen Berner Seeländern – Ulrich Ochsenbein, Ruedi Minger und Albert Anker.

Diesmal wollen wir uns in drei ausgesprochene Stadtberner vertiefen. Dies fällt mir leicht, da ich zu allen dreien eine innere Beziehung habe.

  • Adrian von Bubenberg lag das Wohl und Weh der Eidgenossenschaft am Herzen – mir auch.
  • Seit langem bewundere ich die Werke von Karl Stauffer-Bern und freue mich, ein paar wenige in meiner Bildersammlung zu wissen.
  • Wie Markus Feldmann war ich Bundesrat und wie er Vorsteher des Justizdepartements. Und genau, wie er es getan hat, kämpfe ich für die Unabhängigkeit und Neutralität der Schweiz.

I. Einleitung


Bild 3: Altstadt von Bern

Oh, dieses Bernbiet! Die bekannte «Berner Hymne» von Jakob Ummel, welche die Berner besonders gerne singen, mit dem jauchzenden Refrain «Bärnbiet, du mi liebi Heimat, schöner chan es niene sy! J ha gäng chly Freud gha dranne, dass i o e Bärner bi!» besingt zwar nicht in erster Linie die Stadt Bern und ist mehr eine Ode an die Landschaft: «Grüeni Wälder, dunkli Schatte, hindedra der Firneschnee …» – so platzt das Lied schon am Anfang mitten in die prächtige, majestätische Berner Landschaft. Sie beginnt also nicht zuerst auf dem Bundesplatz – nein, besungen wird vor allem das «Bärnbiet». Aber es schleckt keine Geiss weg: Historisch ist im Stadtstaat Bern die Stadt Bern das Entscheidende.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Stadt schon 100 Jahre vor Gründung der Eidgenossenschaft, und die wunderbar intakt gebliebene Innere Stadt in der Aareschlaufe ist jedem Schweizer und jeder Schweizerin ein unverzichtbares Stück Heimat – und als Unesco-Weltkulturerbe ist sie auch von internationaler Bedeutung.


Bild 4: Kramgasse und Zytglogge

Stein für Stein finden wir hier Geschichte, war doch Bern einst der grösste europäische Stadtstaat nördlich der Alpen und eine legendäre, gefürchtete Militärmacht. Und bis heute empfinde ich Bern mehr als bloss einen Kanton und erst recht mehr als eine Stadt: Bern ist noch immer ein Staat! Touristen und Besucher, aber auch die Einheimischen bewundern Bauwerke wie die historischen Brunnen, den Zytglogge-Turm, das Rathaus, das Münster oder die Laubengänge mit ihren Läden.


Bild 5: Bundeshaus

Da ich 27 Jahre als Nationalrat und 4 Jahre als Bundesrat in der Bundeshauptstadt verbracht habe, ist auch mir das historische Bern ans Herz gewachsen – weniger das zeitgenössische. Als Bundesrat wohnte ich an der Brunngasse – aber der Weg dorthin (vor allem in der Nacht) war mir immer etwas unheimlich.

Beim Besuch ausländischer Diplomaten und Minister zeigte man stolz die Altstadt.

Zahlreiche Anekdoten zirkulieren über diese Führungen. So erzählt man sich, dass ein Berner Bundesbeamter zwei Deutsche – hochgestellte Persönlichkeiten – durch die Stadt zu führen hatte. Bei einem Bauplatz hätten die Deutschen gefragt, was denn hier gebaut werde. Der Berner wahrheitsgetreu: «Ein Hotel». Die Deutschen: «Na, wie lange bauen die denn hier schon?» Der Berner Beamte: «Seit 3 Jahren.» «Was, 3 Jahre! Bei uns wäre sowas in 3 Monaten gebaut!» So ging es weiter, überall waren die Deutschen besser und schneller, und die Berner langsamer und langsamer. Als sie auf den Bundesplatz kamen, fragte der Deutsche: «Was ist denn das?» und zeigte auf das Bundeshaus.

Worauf der Berner ahnungslos erstaunt antwortete: «Kei Ahnig, das isch ämu geschter no nid hie gschtange!»

Ein anderer, der an die Aare geführt wurde, transportierte man mit dem Marzilibähnli hinauf auf die Bundeshausterrasse. Der Deutsche spottete über die Kleinheit der Bahn. Oben angelangt fragte er – auf das Bundeshaus weisend: «Was ist denn das da?» Der Berner eingeschüchtert: «Das isch äbe t’s Verwaltungsgebü vo dere Bahn!»

II. Adrian von Bubenberg (um 1434–1479): Der Held von Murten
II. 1 Kriegsmann und Schultheiss


Bild 6: Bubenberg-Skulptur von Stauffer-Bern

Meine Damen und Herren, aber jetzt zu den Stadtberner Persönlichkeiten.

Neben mir steht eine Statue von Adrian von Bubenberg – Bubenberg in voller Rüstung, ein Symbol von Wehrhaftigkeit, Mut, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. Der Schöpfer dieser Statue ist ein anderer Stadtberner, der geniale Karl Stauffer.

Sie ahnen es, meine Damen und Herren. Wir gehen ins 15. Jahrhundert zurück, wo sich die noch junge Eidgenossenschaft in grossen Schlachten behaupten musste.

Damals bedrängte die Eidgenossenschaft der mächtige König von Burgund – Karl der Kühne –, der von Norden her die Eidgenossenschaft zu besiegen suchte.

Und in diesem 15. Jahrhundert, nämlich um 1434, wurde Adrian von Bubenberg geboren. Seine Familie war die wohl verdienstvollste in der bisherigen Geschichte Berns. Die Stadt und ihre Untertanengebiete hatten die unbestrittene Vormachtstellung in der westlichen Eidgenossenschaft. Und an der Spitze dieser Stadt stand Adrians Vater als Bürgermeister.

Seine Familienwurzeln sind zwar nicht gerade bis Adam und Eva lückenlos belegt, aber gemäss alter Überlieferung soll ein Ahne der Familie Bubenberg bereits 1191 mit der Gründung der Stadt Bern beauftragt worden sein.


Bild 7: Gründung von Bern

Sie sehen hier Adrians Vorfahre, Kuno von Bubenberg, links im Bild mit einem Gehilfen, der sein Wappen hält. Kuno von Bubenberg soll mit dem Stadtgründer, Herzog V. von Zähringen, aneinandergeraten sein, weil er die Stadt doppelt so gross gebaut hatte, wie ihm der Zähringer erlaubt hatte. Gemäss Sage sollte die neue Stadt benannt werden nach dem Erstbesten, der sich den Gründern entgegenbewegte: Damals war das ein Bär, also darum Bern, darum der Bärengraben. Heute wäre es wahrscheinlich ein Velo! Bern hiesse dann vielleicht nicht Bern, sondern Bicicletta!


Bild 8: Schloss Spiez

Schon der Vater von Adrian namens Heinrich war Schultheiss, Besitzer ausgedehnter Ländereien, vor allem des herrlichen Spiez. Darum steht dort seit 2017 eine grosse Bubenberg-Skulptur.


Bild 9: Bubenberg als Krieger

Adrian von Bubenberg folgte den Spuren seines Vaters Heinrich. Er bewährte sich rasch als Truppenführer und Kriegsmann. 1466 – also mit 32 Jahren – empfing er anlässlich einer Pilgerreise nach Jerusalem den Ritterschlag.

Dann wurde er zu Berns Schultheiss gewählt. Man weiss, dass er 1469 bei Bruder Klaus von Flüe im Ranft weilte und dessen wundersames Fasten bezeugte.


Bild 11: Niklaus von Diesbach

Bei den innerbernischen Aufständen – Handwerker und Bürger erhoben sich gegen Vorrechte des Adels – vertrat Adrian von Bubenberg die Adelspartei. Aber bald schon verdrängte der burgundische Machtanspruch die bernische Innenpolitik. Es war den Herzögen von Burgund gelungen, sich weitreichende Territorien vom Elsass bis in die Niederlande zu erwerben und sich zwischen Frankreich und das römisch-deutsche Reich zu schieben. Adrian von Bubenberg galt als burgunderfreundlich und wurde 1475 durch seinen franzosenfreundlichen Gegenspieler Niklaus von Diesbach aus seinen Stellungen gedrängt. Diesbach starb bald im Felde, die burgundische Bedrohung blieb. Und jetzt wollten es die Burgunder wissen.

II.2 Burgunderkriege


Bild 12: Karl der Kühne

1476 schickte der Burgunderherzog Karl der Kühne ein prachtvolles Heer gegen die Eidgenossen, das aber bei Grandson geschlagen wurde.

Doch der Herzog versammelte erneut Truppen bei Lausanne, um gegen die verhassten Berner loszuschlagen. Das Städtchen Murten wurde von den Bernern als Vorposten ausersehen und Adrian von Bubenberg als Berns tüchtigster Kriegsmann dorthin beordert. Für Bern ging es um Sein oder Nichtsein.


Bild 13: Belagerung von Murten

Im April 1476 eilte Bubenberg – damals schon nicht mehr Schultheiss – nach Murten. Von seiner Mannschaft forderte er Mannszucht. Während zwei Monaten bildete er seine Truppe aus, ergänzte sie und verstärkte die Befestigungen. An seine Heimatstadt schrieb er entschlossen, eher als zu weichen solle Murten zum Friedhof werden.

Und er äusserte die legendär gewordenen Worte: «Solange eine Ader in uns lebt, gibt keiner nach!»

Anfang Juni erschien das mächtige Burgunderheer vor den Toren von Murten. Zwölf Tage lange beschossen und bestürmten die Burgunder die Stadt, Tag und Nacht behoben Männer, Frauen und Kinder die Schäden.


Bild 14: Schlacht bei Murten

Doch die Berner holten Verstärkung. Nachdem andere Eidgenossen – darunter vor allem die Zürcher unter Hans Waldmann – in einem Gewaltmarsch angerückt waren, kam es am 22. Juni 1476 zur Schlacht bei Murten. Die vereinten Eidgenossen überfielen das Burgunderlager und vernichteten einen Grossteil des Heeres.

Murten war frei, Adrian von Bubenberg kehrte mit seiner Besatzung als gefeierter Held nach Bern zurück.

Karl der Kühne entkam mit knapper Not und sollte wenig später bei der dritten Burgunderschlacht bei Nancy den Tod finden. Und so lernten wir in der Primarschule einprägsam: «Karl der Kühne verlor in Grandson das Gut, in Murten den Mut und in Nancy das Blut

Adrian von Bubenberg wurde jetzt völlig rehabilitiert und erneut Schultheiss, verstarb aber schon im Sommer 1479 – mit erst 45 Jahren – mitten in seinen Amtsgeschäften.

Der Glanz der heldenhaften Verteidigung von Murten ist in der Schweizer Geschichte nie verblichen.


Bild 15: Wappen im Berner Münster

Wenn Sie zum Beispiel an einer Scheibe im Berner Münster dieses Bubenberg-Wappen auf blauem Grund leuchten sehen, denken Sie vielleicht an die Zeit, als unser Kleinstaat in grösster Gefahr standhielt.

Ohne die Leistung dieses mutigen, selbstlosen und führungsstarken Berners wäre vielleicht die Eidgenossenschaft nach nicht einmal 200 Jahren ruhmlos zugrunde gegangen.

II.3 Nachruhm


Bild 17: Heutiges Denkmal am Hirschengraben

In späteren Zeiten hat man sich in Dankbarkeit an den untadeligen Ritter Adrian von Bubenberg erinnert. Dabei existiert kein einziges zeitgenössisches Porträt dieses Helden. Aber Max Leu schuf 1897 diese Bronzestatue am Hirschengraben.

Die «Neue Zürcher Zeitung» schrieb bei der Enthüllung beeindruckt: «Eine Zierde, ja einen Teil der Ehre Bern darf man im Standbild dieses Mannes erblicken, der in einer harten Zeit die Geschicke seiner Vaterstadt zum Guten zu wenden vermochte. Möge sein Sinn und Geist nicht nur Berns Bevölkerung, sondern dem Schweizervolke stetsfort innewohnen.»


Bild 18: Spiezer Denkmal von Karl Stauffer

Ein kleineres, bescheideneres, aber auch moderneres Denkmal als in Bern steht heute vor dem Schloss Spiez. Es ist das Werk des jungen, aber auch jung verstorbenen, berühmten Stadtberners Karl Stauffer. Diesem genialen, aber auch tragischen Künstler wollen wir uns nun zuwenden.

III. Karl Stauffer-Bern (1857–1891): Genie und Tragik

III.1 Anfänge in München 

Karl Stauffer-Bern, der geniale Porträtmaler, gilt zweifellos als Stadtberner, obwohl er als Sohn eines Hilfspfarrers im emmentalischen Trubschachen geboren wurde. Aber die Stauffer waren Bernburger und Webern-Zünfter.

Lassen wir vorerst einmal die wechselvolle tragische Biografie Stauffers, der in der Schule als «Störfall» galt, der das Gymnasium verliess – und nichts als malen wollte –, dann in eine Lehre bei einem Dekorationsmaler in München gesteckt wurde und sein Leben in enormer Tragik beendete. Diese Tragik ist so gross, dass sie das malerische Genie dieses selbstbewussten Künstlers leicht in den Schatten stellt.

Noch in München schuf der Siebzehnjährige bereits dieses Selbstbildnis. Weil man rasch seine ausserordentliche Fähigkeit als Porträtmaler erkannte, erhielt er ein Stipendium einer Stiftung aus der Stadt Bern. Sie ermöglichte ihm eine Ausbildung an der damals renommierten Münchner Kunstakademie. Seither fügte er seinem Namen die Ortsbezeichnung Bern bei, und ist fortan der Künstler Karl Stauffer-Bern.

Immer mehr zeichnete sich Karl Stauffer als Porträtist aus. Seine unglaubliche Beobachtungsgabe, sein Selbstbewusstsein waren dafür verantwortlich.

Die Farbenmalerei jedoch war seine Sache nicht, so dass er sich auf das Zeichnen konzentrierte und sich später auch dem Radieren widmete, wie wir an diesem undatierten Selbstbildnis des jungen Mannes sehen. Der Künstler wirkt wach, von sich selber überzeugt, auch etwas skeptisch, doch er wusste, was er konnte und was in ihm steckte.

Doch er schuf beileibe nicht nur Selbstbildnisse, sondern auch eine Vielzahl von Porträts unbekannter und bekannter Personen.

So beispielsweise diese Studienarbeit des neunzehnjährigen Kunststudenten aus der Münchner Zeit, die einen unbekannten Mann mit Fliege zeigt. Sie verrät bereits die spätere Künstlerschaft von Karl Stauffer im Porträtieren. Diese Kohlezeichnung kenne ich gut und habe mich in sie vertieft, weil sie aus meiner Sammlung stammt.

(Das ist der grosse Vorteil, wenn Sie Bilder bei sich zu Hause aufhängen: Sie sehen darin jeden Tag mehr und mehr).

III.2 Porträtist in Berlin

1880 verliess der 23-jährige Stauffer München und arbeitete von 1880 bis 1884 in Berlin, wo er dank seiner Porträtkunst rasch zum gutbezahlten Nachwuchsstar wurde. Sein naturalistischer Realismus traf den Geschmack der Zeit, er arbeitete auch mit dem modernen Hilfsmittel der Fotografie. Stauffer studierte wochen-, manchmal monatelang die Gesichter und die Persönlichkeiten dahinter und wollte möglichst nicht mit Staffage, Uniformen und Ordensgehänge vom Persönlichen ablenken. Neben Berliner Adligen, Unternehmern und Künstlern porträtierte Stauffer – wie Sie hier im Bild sehen – auch den verdienten Schweizer Gesandten Arnold Roth aus dem appenzellischen Trogen, der fast 27 Jahre lang in Berlin wirkte.

Dieses Porträt von Karl Stauffer zeigt Erich Benjamin, Sohn eines Berliner Bankiers, nach damaliger Mode des 17. Jahrhunderts gekleidet. Das Bild hängt zurzeit in unserem Hausgang. Der vierjährige Bub blickt aufmerksam, wenn auch etwas melancholisch. Die tiefschwarze Hutkrempe bringt die Kontur seines Gesichts schön zum Ausdruck. Das Bild ist nicht nur interessant wegen dem Maler, sondern auch wegen dem Dargestellten, was ja eigentlich auch das Wesen eines guten Porträts ist: Erich Benjamin wurde nämlich später ein bedeutender Kinderarzt und gehört zu den Pionieren der Kinderpsychiatrie – so hat er als Erster das kindliche Trotzalter beschrieben. Aber die Nazis vertrieben Erich Benjamin als Juden von seiner Münchner Professur und übernahmen sein Kindersanatorium zu einem Spottpreis. Er emigrierte in die USA, konnte aber dort nicht mehr richtig Fuss fassen. Mit 63 Jahren nahm er sich das Leben.

Der wohl prestigeträchtigste Auftrag erhielt Karl Stauffer von der Nationalgalerie für ein Porträt des damals meistgelesenen deutschen Schriftstellers Gustav Freytag. Die meisten Werke von Freytag sind vergessen, aber die Malkunst von Karl Stauffer hat nicht nur diesen Schriftsteller, sondern sogar seine Werke überlebt.

Stauffers Vater war viele Jahre depressiv, starb in der Klinik Waldau und spielte im Leben des Sohnes kaum eine Rolle. Wichtig waren für ihn die Frauen der Familie, hier etwa Schwester Sophie, die er – diesmal ohne Auftragsdruck – im Dreiviertelprofil in Öl malte und deren intelligente Persönlichkeit gut zu erfassen ist. Stauffer selber schätzte dieses Porträt im Rahmen seines Schaffens sehr hoch ein.

Zu seinen Meisterwerken zählt zweifellos die undatierte Radierung seiner 55-jährigen Mutter Luise im Trauerschleier. Karl Stauffer war damals noch keine 30 Jahre alt. Seine Mutter war einst Erzieherin gewesen, hat ihren Sohn bei den ersten zeichnerischen Versuchen unterstützt und später immer an sein Talent geglaubt. Da ihr Mann geistig krank war und sich schliesslich das Leben nahm, war sie notgedrungen die tragende Säule in der Familie.

III.3 Schicksalhafte Begegnungen

Mit 27Jahren kehrte der bereits gefeierte Porträt-Künstler in die Schweiz zurück.  Und hier begann eine grosse Verunsicherung des künstlerischen und des persönlichen Lebens aus zunächst zufälligen und nebensächlichen Ereignissen. Sie führte schliesslich zu einer unglaublichen Tragik. Es begann damit, dass Karl Stauffer seinen ehemaligen Schulfreund Friedrich Emil Welti, den Sohn von Bundesrat Emil Welti, traf. Diese Begegnung zweier früherer Klassenkameraden wurde zur schicksalshaften Begegnung.

Der Jurist Welti war inzwischen verheiratet mit Lydia Escher, der Tochter von Alfred Escher, also mit der Tochter des mächtigen Politikers, Geschäftsmanns und treibender Kraft des wirtschaftlichen Aufschwunges der Schweiz, dem Erbauer der Gotthardbahn, Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt und Initiant der ETH. Lydia Welti-Escher war nach dem Tod ihres Vaters die reichste Frau der Schweiz. Sie beflügelte zwar Stauffers künstlerisches Schaffen, sollte ihm aber auch zum tödlichen Verhängnis werden. Das Ehepaar Welti-Escher lud den grossen Porträtisten Stauffer ein, in ihrem Zürcher Herrschaftsgut Belvoir zu malen und dem Ehepaar überhaupt Gesellschaft zu leisten.

So malte Stauffer im Gewächshaus des Belvoir 1886 Lydia Welti-Escher als Dame in Weiss, wobei ihm vor allem die anspruchsvolle Kolorierung zu schaffen machte. Lydia sass ihm drei Wochen lang täglich fünf Stunden Modell. Die gebildete, kunstinteressierte, aber unausgefüllte Frau fand im Künstler bald einen anregenden Gesprächspartner. Die vielen erhaltenen Briefe zeigen aber, dass sich der Kontakt über Jahre im Rahmen der gesellschaftlich geforderten Grenzen hielt.

Nicht zuletzt dank dieses Verhältnisses entstanden wohl die bekanntesten Porträts von Karl Stauffer. Auch der bis heute bedeutendste aller Schweizer Schriftsteller, Gottfried Keller, sass Stauffer Modell. Das traf sich gut, denn die Sympathie war gegenseitig. Der Berner Künstler Stauffer verehrte das Werk des Zürcher Dichters, Gottfried Keller schätzte die Malkunst Stauffers, und man durchzechte gemeinsam manche Nacht. Keller nannte den jungen Draufgänger Stauffer bewundernd einen «verfluchten Kerl».

Karl Stauffer fotografierte – schlitzohrig – den Dichter Keller in einem Moment, in dem dieser auf seinem Stuhl, eine Zigarre in der Hand, eingenickt war, um ihn später in der Radierung so festzuhalten. Doch Keller wäre nicht Gottfried Keller, wenn er sich verletzt abgewendet hätte. Vielmehr schrieb er humorvoll unter das Bild: «Es scheint der kurze Mann fast krank, / Doch raucht er ja noch, Gott sei Dank!»

Auch über dieses psychologisch eindringliche Ölgemälde des späten Gottfried Keller – vier Jahre vor seinem Tod geschaffen von einem fast vierzig Jahre jüngeren Maler – kann man nur staunen. Wir haben hier den gealterten, ganzen Keller in unsentimentaler Direktheit, in einer gewissen Resignation und pessimistischer Weltsicht, und doch scheint sein bis zuletzt bewahrter Humor noch spürbar. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass Karl Stauffers Kunst das Bild von Gottfried Keller für die Nachwelt ganz wesentlich geprägt hat.

Dasselbe gilt auch für den zweiten grossen Namen der Schweizer Literatur, Conrad Ferdinand Meyer. Auch diesen hat Stauffer sehr verehrt, auch er sass ihm Modell zu einer Radierung, und zwar zu einem geistig noch lichten Zeitpunkt. Meyer hat ja erst mit 45 Jahren die ersten erfolgreichen Werke verfasst und ist leider mit 65 wieder in seiner Geisteskrankheit verdämmert.

Karl Stauffer-Bern war ein Stürmer und Dränger, auch künstlerisch: Anfang 1888 übersiedelte er zu seinem Künstlerkollegen Max Klinger nach Rom mit dem selbstbewussten Ausruf: «Sono scultore, io!» – «Ich bin ein Bildhauer!» Dies, obwohl er noch gar nichts geschaffen hatte. Als Maler und Radierer hatte sich Stauffer bewiesen, noch fehlte ihm die Meisterschaft als Plastiker. Seine Mäzene, das Ehepaar Welti-Escher, unterstützten ihn bei diesem radikalen Neuanfang. Stauffers erstes Werk war ein betender Jüngling, ein Adorant. Hinzu kam später, als nicht weniger gelungene Plastik, der bereits gezeigte und gewürdigte Adrian von Bubenberg, der ja hier neben dem Rednerpult steht.

III.4 Trauriges Ende

 Im September 1889 ruft ein Telegramm seiner Mäzenin Lydia Welti-Escher den 32-jährigen Stauffer von seiner bildhauerischen Arbeit weg.

Lydia Welti bittet ihn, dringend nach Zürich zu kommen, da ihr Mann an Depressionen leide. Unwillig reist er von Rom nach Zürich und gerät zwischen die Fronten einer unglücklichen Beziehung. Jetzt beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Man beschliesst als Therapie, zu dritt – das Ehepaar Welti-Escher und Karl Stauffer – nach Florenz zu reisen. Aber kaum angekommen, reist der Ehemann Friedrich Emil Welti wegen einer geschäftlichen Angelegenheit zurück in die Schweiz und lässt seine Frau Lydia mit Karl Stauffer allein zurück. Und jetzt passiert, was wohl voraussehbar war: Aus dem freundschaftlichen und gesellschaftlich korrekten Verhältnis entwickelt sich eine Liebesgeschichte oder zumindest eine Affäre. Karl Stauffer flieht mit Lydia von Florenz nach Rom. Das Verhältnis führt zum öffentlichen Skandal.

Dies scheint dem Ehemann Friedrich Welti eher gleichgültig gewesen zu sein. Aber umso mehr lässt sich dies der Schwiegervater von Lydia Welti-Escher, der einflussreiche Bundesrat Emil Welti, der sich – wie hier das Öl-Porträt zeigt – zwei Jahre früher von Karl Stauffer-Bern porträtieren liess, nicht gefallen. Um das aussereheliche Liebesverhältnis zu verhindern, missbraucht er seine Stellung und Machtposition als Bundesrat auf schändliche Weise, indem er den früheren Bündner Bundesrat und nunmehrigen Botschafter in Rom, Simon Bavier, einschaltet. Stauffer wird unter falschen Anschuldigungen verhaftet und eingesperrt, Lydia durch einen willfährigen Psychiater als geisteskrank erklärt und in eine Irrenanstalt gebracht.

So wird Karl Stauffer mit einem Gefangenentransport in Ketten von Rom nach Florenz zurückgeführt, wo die Affäre ihren Anfang genommen hat.

Dank einer Kaution lässt man den innerlich Gebrochenen vorübergehend frei. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird unter Gewaltanwendung im städtischen Irrenhaus San Bonifazio interniert. Zwei Monate später wird er wieder durch die gleiche Fürsprache entlassen, so dass er schliesslich in seiner Berner Heimat zurückkehren kann.

Das ungewisse Schicksal Lydias lässt Stauffer aber keine Ruhe, darum reist er erneut nach Rom und erfährt, dass Lydia mit Ehemann Friedrich Emil Welti aus Rom abgereist ist. Kurz drauf spricht das Florentiner Gericht Stauffer in allen Anklagepunkten frei. Doch kein Ton erscheint darüber in den Schweizer Zeitungen, die vorgängig Stauffer als Kriminellen schwer beschuldigt haben. Er steht vor der Öffentlichkeit als schuldiger Verführer, ja, als Vergewaltiger einer verheirateten Frau da. Der Freispruch zahlt sich für Stauffer überhaupt nicht aus.

In tiefer Depression schiesst sich Stauffer im Botanischen Garten in Bern in die Brust, überlebt aber schwer verletzt. Er wohnt dann bei seinem Bruder in Biel, reist nochmals kurz nach Rom, arbeitet am Bubenberg-Denkmal, leidet aber an Schmerzen und Schlaflosigkeit. In Florenz versucht er, Schmerzen und Schlaflosigkeit mit immer höheren Dosen Chloral zu bekämpfen. Am Abend des 24. Januar 1891 ist die Dosis zu hoch. Anderntags liegt er – ein halbes Jahr nach dem Tod von Gottfried Keller – tot im Bett.

Lydia Welti-Escher wird schuldig geschieden und nimmt sich weniger als ein Jahr nach dem Tod von Karl Stauffer in Genf ebenfalls das Leben. Die Kinderlose hinterlässt der Eidgenossenschaft – obwohl sich deren Vertreter ihr gegenüber so übel benommen haben – ihr ganzes Vermögen in Form der Gottfried-Keller-Stiftung.

Die Bestrebungen des mächtigen Bundesrates Emil Welti, die Ehre seines Sohnes retten zu wollen, enden verhängnisvoll: Tod des 33-jährigen Liebhabers der

Schwiegertochter, Scheidung des Sohnes und Selbstmord der Schwiegertochter. Zudem: Vernichtung einer grossartigen Künstlerlaufbahn!

Karl Stauffer wird am 28. Januar 1891 auf dem protestantischen Ausländerfriedhof in Florenz beigesetzt. Es ist eine kleine Schar, die dem hochbegabten Maler, Radierer und Künstler Karl Stauffer-Bern das letzte Geleit gibt. Aber auffallend sei ein Kranz gewesen mit der Aufschrift: «Den Manen meines unvergesslichen Freundes». (Die Manen sind die guten Geister der Toten). Alle wussten: Lydia Escher hat den Kranz senden lassen.

IV. Markus Feldmann (1897–1958): Gegen rote und braune Fäuste

IV.1 Im Dienst der Mittelstandspartei

Markus Feldmann interessiert mich nicht nur als einer meiner Vorgänger an der Spitze des Justiz- und Polizeidepartements, sondern als unerbittlicher Verfechter der schweizerischen Neutralität, als glühender Nazi- und Kommunistengegner, kurz: als leidenschaftlicher Kämpfer gegen rote und braune Fäuste.

Markus Feldmann wurde 1897 als Sohn eines Gymnasiallehrers und späteren Generalstabsobersten und Fürsorgechefs der Armee in Thun geboren. Er selbst durfte wegen einem Herzfehler keinen Militärdienst leisten. Zeitlebens litt er darunter.

Als einer, der seine juristische Studien und Examen an der Universität Bern absolvierte, bedeutete ihm die Studentenverbindung «Zähringia» viel, so dass er sie gleich zweimal präsidierte.

Obwohl Feldmann zeitlebens in der Stadt Bern arbeitete, Stadtberner Bürger wurde und später sogar das Burgerrecht geschenkt erhielt, trat er der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) – der heutigen SVP – bei. Die SP, so erklärte er, sei ihm zu wenig schweizerisch und zu militärfeindlich, und der «Industrie- und Bankenfreisinn» – wie er ihn nannte – war ihm zu kapitalistisch.

1922 – also mit 25 Jahren – wurde der junge Markus Feldmann Redaktor und drei Jahre später Chefredaktor der «Neuen Berner Zeitung», dem Organ der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und blieb dies während 17 Jahren.

(Wir sehen ihn hier – wenn auch etwas undeutlich – in seinem Redaktionsbüro).

Als Chefredaktor in den dreissiger und vierziger Jahren war er eine prägende Stimme, die schon früh massiv gegen die nationalsozialistischen Tendenzen auftrat. Sein Verdienst war, dass er in Deutschland als der wohl «der bestgehasste Redaktor» der Schweiz galt.

Feldmann hat aber nicht nur geschrieben, sondern wohl über tausend öffentliche Reden gehalten, besonders über die Aussenpolitik.

Wir wissen über das Denken und Handeln von keinem anderen Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts so gut Bescheid, weil Feldmann von 1915 bis zu seinem Tod 1958 ein exaktes Tagebuch geführt hat.

So wissen wir, dass er sich besonders wohl fühlte bei der Bauernheimatbewegung­ – den so genannten Jungbauern –, von denen er sich neuen Schwung für seine BGB erhoffte, die er als verknöchert beurteilte.

IV.2 Gegen den Nationalsozialismus

Anfänglich war er mit dem Leiter der Jungbauern, Nationalrat Dr. Hans Müller vom «Möschberg» in Grosshöchstetten – ebenfalls ein «Zähringer» – gut befreundet. Von Müller, der die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten suchte, um die enorme Wirtschaftskrise der dreissiger Jahre mit Staatsinterventionen zu bekämpfen, dann aber zunehmend einen autoritär-unschweizerischen Führeranspruch geltend machte und mit der Jungbauernbewegung im Gegensatz zur BGB geriet, wandte sich Feldmann schriftlich und frühzeitig ab. Als Müller 1940 in braunes Fahrwasser geriet, war der Bruch längst vollzogen.

Die Entscheidung, dass die BGB zusammen mit Freisinn und Katholisch-Konservativen den «Bürgerblock» bilden sollten, hatte 1934/35 vor allem Feldmanns älterer Vertrauter und Förderer Rudolf Minger verlangt, der seit 1930 im Bundesrat sass. Umgekehrt konnte Feldmann – nicht zuletzt dank der Distanzierung von der Jungbauernbewegung – einen Nationalratssitz auf der BGB-Liste erobern. Wie überlegt Minger und Feldmann dachten, zeigt die schlaue Strategie, den Sozialdemokraten 1938 zwei Sitze im Berner Regierungsrat zu verschaffen, um so die Jungbauern zu isolieren. So wurde Markus Feldmann fortan ein entschiedener Befürworter des Konkordanz-Prinzips auch auf Bundesebene, was heisst: Die vier wählerstärksten Parteien sollten im Bundesrat nach ihrer Wählerstärke vertreten sein.

Schon früh durchschaute Markus Feldmann als unbedingter Befürworter des Rechtsstaates den verbrecherischen Charakter des Hitler-Regimes. In seiner «Neuen Berner Zeitung» bekämpfte er fortan den deutschen Nationalsozialismus wie den italienischen Faschismus aufs Entschiedenste und machte so sein Organ bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Feldmann kämpfte entschieden für die Pressefreiheit und verhinderte, dass unser Land mit Deutschland ein Presseabkommen schloss. Deshalb wurde er nach dem Urteil des Historikers Edgar Bonjour bei den Deutschen zum «meistgehassten Journalisten der Schweiz».

Wir sehen hier das seltene Bild eines lächelnden Markus Feldmann in späteren Jahren beim Händedruck mit Eduard von Steiger. Das Lächeln täuscht, denn von Steiger war bei den Bundesratswahlen 1940 sein parteiinterner Widersacher. Man nimmt heute an, dass die deutsche Gesandtschaft gegen den leidenschaftlichen Anti-Nazi Feldmann intervenierte, so dass der aristokratische – ebenfalls Stadtberner – Fürsprecher und Regierungsrat Eduard von Steiger das Rennen bei der Nachfolge von Rudolf Minger machte. Das Zürcher Parteiorgan bedauerte damals: «Wir haben nun einmal die ketzerische Auffassung, dass Dr. Feldmann als Bundesratskandidat in unserem Bauernvolke eine bessere Verankerung gefunden hätte.»

Genau wie General Henri Guisan misstraute Markus Feldmann 1940 dem unbedingten Widerstandswillen des Bundesrates. Wir sehen die beiden hier nach dem Krieg, 1954 am 80. Geburtstag des Generals. Während dem Krieg lud Guisan Nationalrat Feldmann verschiedentlich zu Gesprächen über die Innen- und Aussenpolitik ein, wobei sich Feldmann allerdings scharf gegen die «Geschichtsklitterung» wandte, wonach Guisan der einzige Fels in der Brandung gewesen sei. Er nahm den Bundesrat ausdrücklich in Schutz.

IV.3 Gegen den Kommunismus

Von bleibendem Interesse ist auch der «Bernische Kirchenstreit» zwischen Erziehungs- und Kirchendirektor Feldmann und dem grossen reformierten Theologen Karl Barth, nachdem Feldmann 1945 im bernischen Regierungsrat Einsitz genommen hatte.

In einer Rede im Berner Münster machte der Basler Theologieprofessor 1949 geltend, die Kirche dürfe sich nicht für einen Kampf gegen den Kommunismus instrumentalisieren lassen, sondern müsse im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion für den Frieden eintreten. Barth gebrauchte gar den Ausdruck «ein Mann vom Formate Josef Stalins». Für Feldmann war klar: Stalin ist neben Hitler der andere Massenmörder. Die Nachwelt gab Feldmann recht.

Die hochstehenden Auseinandersetzungen zweier Persönlichkeiten in den Jahren 1949 und 1951 interessieren die Forschung bis heute. Mit Barth und Feldmann stiessen zwei unterschiedliche Auffassungen von Theologie, Ethik und Staat aufeinander, aber auch Berner Ernst und Basler Humor.  Wenn man das heutige fade Süppchen der geistigen Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat Revue passieren lässt, dann sehnt man sich geradezu nach solch wuchtigen Streitereien.

Interessant ist der Bernische Kirchenstreit aber auch, weil die beiden Kontrahenten viele Gemeinsamkeiten hatten: Beide hatten in Bern das damals stark pietistisch geprägte freie Gymnasium (damals die Lerberschule) besucht, sich aber von ihren pietistisch-frommen Elternhäusern gelöst. Feldmann lag richtig mit dem Widerspruch zu Barths Auffassung, man könne mit Kommunisten jenseits des Eisernen Vorhangs einen Dialog wie unter Demokraten führen. Nach Feldmanns Urteil war dies ebenso wenig möglich, wie mit Hitler.

Die Differenz war aber auch eine logische Folge eines unterschiedlichen Auftrags: Feldmann hatte unerbittlich für den demokratisch-freiheitlichen Rechtsstaat einzutreten und nach bernischem Amtsverständnis – er war ja «Kirchendirektor» – stand der Staat «über der Kirche», während es für den Dogmatiker Barth umgekehrt war.

Was 1940 noch nicht möglich war, geriet 1951: Markus Feldmann wurde im ersten Wahlgang zum Nachfolger von Eduard von Steiger als Bundesrat gewählt. Er übernahm das Justiz- und Polizeidepartement energisch und initiativ. Feldmann beeinflusste die Verfassungs- und Gesetzgebungspolitik stark. Er liess einen Bericht über die massgeblich von seinem Vorgänger von Steiger verantwortete Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg erstellen und bedauerte offiziell die für eine gewisse Zeit gehandhabte Abweisung von Juden an der Grenze.

In Fragen der Aussenpolitik sprach Feldmann im Bundesrat ein gewichtiges Wort mit. Er wurde als Verfechter einer strikten Neutralitätspolitik Gegenspieler des freisinnigen Aussenministers Max Petitpierre. Feldmann warf dem Neuenburger vor, er handle eigenmächtig ohne Beschlüsse des Gesamtbundesrates. Insbesondere die Korea-Mission der Schweiz zur Grenzüberwachung des verfeindeten Nord- und Südkoreas gefährde die Unabhängigkeit und mache das Land zum Spielball der Grossmächte.

1956 wurde Markus Feldmann Bundespräsident und nahm in dieser Funktion wiederholt Stellung zur Niederschlagung des Ungarnaufstandes. Im brutalen Vorgehen der sowjetischen Panzer sah er die Bestätigung seines lebenslangen glühenden Antikommunismus, und die Grundwelle der Empörung in der Schweiz befriedigte ihn tief.

Gab sich Feldmann öffentlich auch fast immer ernst, fast schon grimmig, zeigte er im Privatleben auch weichere Seiten. Er war verheiratet mit Margrit Beck und Vater von Hans Feldmann, später Rechtsanwalt, SVP-Grossrat und Präsident des Schweizerischen Hauseigentümerverbands. Zeitlebens fühlte Feldmann mehr mit den kleinen als mit den grossen Leuten. Materielles sagte ihm wenig, jede Protzerei und Angeberei war ihm zuwider.

IV.4 Wegbereiter des Frauenstimmrechts

Obwohl sich seine BGB-Partei in dieser Frage mehrheitlich ablehnend verhielt, befürwortete Markus Feldmann das Frauenstimmrecht. Seine diesbezügliche Vorlage wird oft als wichtigste staatspolitische Leistung Feldmanns eingestuft. Die 136-seitige Botschaft trägt stark seine Handschrift und wurde von beiden Räten unterstützt.

So schrieb Markus Feldmann: «Der freie Volksstaat schweizerischer Prägung beruht […] auf dem Vertrauen darauf, dass immer genug Menschen sind, welche mit ihrer Einsicht, mit ihrem Verantwortungsgefühl, mit ihrem Sinn für Gemeinschaft den freien Volksstaat zu tragen und zu gestalten vermögen. Woher nehmen wir das Recht, unsere schweizerischen Frauen ganz allgemein gering zu schätzen, Frauen diese Einsicht, dieses Verantwortungsgefühl, dieses Verständnis für die Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft abzusprechen, ihnen das Recht vorzuenthalten, aktiv […] an der Gestaltung unserer freien staatlichen Gemeinschaft mitzuwirken?»

Die wuchtige Niederlage seines Projektes zur Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene an der Urne vom Februar 1959 erlebte Markus Feldmann nicht mehr. Er verstarb am 3. November 1958 an einem Herzschlag in einem Taxi, mitten in seinen Amtsgeschäften.

Damit verschied – wie die NZZ schrieb – «einer der führenden Staatsmänner unserer Generation». Er sei «einer der grossen Persönlichkeiten gewesen, welche die Schweiz hervorgebracht hat».

Meine Damen und Herren, wie Markus Feldmann sind Karl Stauffer-Bern und Adrian von Bubenberg drei grosse Namen der Stadt Bern, die aber weit über Berns Lauben und Gassen in die ganze Schweiz hinausleuchten.

Erinnern wir uns dankbar an Sie.

Ich entbiete Ihnen allen meine allerbesten Wünsche für ein glückliches, gesundes und erfreuliches neues Jahr!

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