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Baustelle Schule

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Andrea Hiestand, Primarlehrerin (4. Klasse), Jahrgang 1982, wohnhaft in Winterthur

Die Meinungen im schweizerischen Politfeld sind weit gestreut. Es gibt kaum ein Thema, bei dem Einigkeit herrscht. Zumindest in einem Punkt hat man sich jedoch gefunden: Die Bildung bildet einen Grundstein des schweizerischen Erfolgs…

Die Meinungen im schweizerischen Politfeld sind weit gestreut. Es gibt kaum ein Thema, bei dem Einigkeit herrscht. Zumindest in einem Punkt hat man sich jedoch gefunden: Die Bildung bildet einen Grundstein des schweizerischen Erfolgs. Da die Schweiz keine Rohstoffe besitzt, ist es absolut notwendig, international einen hohen Bildungsstandard zu bewahren, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Über den Weg, der zu diesem Ziel führen soll, herrschen geteilte Meinungen.

Aufgerüttelt durch das verhältnismässig schlechte Abschneiden der Schweiz in der ersten PISA-Studie machte sich vor Jahren regelrechter Reformen-Wahn breit. Mit dem Argument, in Finnland – immerhin Sieger der PISA-Studie – werde das anders gehandhabt, wurde unser bewährtes System in hektischen «Reformschritten» umgekrempelt. Millionen wurden investiert, um dem «Vorbild Finnland» näher zu kommen.

3 x 2 sind Neune
Betrachtet man das Ergebnis dieser Investitionen, fällt es erschreckend ernüchternd aus: Inzwischen werden über 50% aller Kinder schulinterne Förderungsmassnahmen verordnet. Die Lehrmeister beschweren sich, dass den Lehrlingen elementare Fähigkeiten wie Schreiben und Rechnen fehlen. Nur die Nachricht, das Bildungsniveau in der Schweiz sei gestiegen, bleibt bis heute aus. Diese Bilanz muss aufrütteln!

Grundlagen fehlen
Die Lehrpläne werden mit immer mehr Stoff beladen. Zuerst kam Frühfranzösisch, dann Frühenglisch. Heute sollen Primarschüler bereits 2-3 Sprachen erlernen; sie haben aber allzu oft Mühe, fliessend Deutsch zu lesen. Dazu kommen Forderungen von Seiten der Medienwelt. Die Kinder sollen schon in der Primarschule das Zehnfingersystem lernen, damit sie im Internet recherchieren können und Zusammenhänge erkennen. Müssten sie jedoch zu einer Mathematikaufgabe den einleitenden Text verstehen, bekunden viel zu viele Mühe. In Religion und Kultur (ein neues, obligatorisches Fach) werden den Kindern Kenntnisse über die Weltreligionen und andere Kulturen vermittelt. Einfachste Anstandsregeln aus unserer Kultur vermisst man indessen. Und grundlegendes Wissen über unsere christlich-abendländische Kultur ist praktisch kaum vorhanden.

Weniger wäre mehr
Auch wenn sich all das Wissen und die Kompetenzen in den Lehrplänen gut machen – welche Eltern wollen nicht, dass ihr Kind mehrere Fremdsprachen beherrscht, im Internet recherchieren kann und andere Kulturen kennt? – sieht die Realität leider anders aus. Auch heute noch wird in den Schulzimmern nur mit Wasser gekocht. Und ich frage mich, ob weniger nicht mehr wäre. Mit all dem Lehrstoff, der den Kindern vermittelt werden soll, ist es als Lehrperson schwierig, genügend Zeit für die Grundlagen zu reservieren. Doch wenn die Grundlagen nicht sitzen, kann auf nichts wirklich aufgebaut werden. Wer Deutsch nicht beherrscht, wird auch in den Fremdsprachen Mühe haben. Wer bei einfachen Rechenaufgaben scheitert, wird schwerlich komplexe naturwissenschaftliche Phänomene begreifen. Das ursprüngliche Ziel der Reformen, Kinder optimal zu fördern, tönt sicherlich gut, doch leider wurde es bei weitem verfehlt.

Lehrperson im Mittelpunkt
Wenn wir uns auf unsere Schulzeit zurückbesinnen und darüber lachen, wie viel oder wenig wir gelernt haben, fällt schnell auf, dass die Person des Lehrers dabei die grösste Rolle spielt. Das System lehrt den Kindern nichts. Der Lehrer vermittelt den Stoff. Daran kann kein Schulsystem etwas ändern. Ich hatte in meiner Kantonsschulzeit einen Lehrer, der ausser der Wandtafel, einer weissen Kreide und unseren Heften kein Lehrmaterial gebrauchte und ausschliesslich Frontalunterricht erteilte. Aus heutiger Sicht eine pädagogische Todsünde. Erstaunlicherweise lernte ich bei ihm am meisten, da er wie kein anderer Probleme interessant und anschaulich erklären konnte.

Andrea Hiestand, Primarlehrerin (4. Klasse), Jahrgang 1982, wohnhaft in Winterthur

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