Die zehn Gebote der SRG

Referat von Kurt W. Zimmermann, Weltwoche-Kolumnist und Verlagsunternehmer

Unser Thema heute ist die SRG. Manchmal ist es am besten, wenn man ein Thema mit einem dummen Witz einleitet.

Also der Witz: Was ist der Unterschied zwischen Gott und dem Präsidenten der SRG? Gott glaubt nicht, dass er der Präsident der SRG ist.

Wenn ich dem Präsidenten der SRG zuhöre, oder anderen Vertretern unseres öffentlichen Rundfunks, dann habe ich oft das Gefühl einer religiösen Bekehrung. Man predigt mir, welche Wohltaten und Wunder die SRG ständig vollbringt.

Die SRG rettet zum Beispiel die Demokratie, sie rettet den Zusammenhalt des Landes und rettet die Mehrsprachigkeit, kurzum, sie rettet die Schweiz.

Es sind zehn Punkte, mit welchen die SRG sich immer wieder selber belobigt. Es sind zehn Punkte, welche die Heilsversprechen ihrer Glaubensrichtung belegen sollen. Nennen wir sie die Zehn Gebote der SRG.

Überprüfen wir mal, ob die zehn Gebote der SRG tatsächlich zutreffen oder ob sie nur Illusionen sind.

SRG-Gebot 1: «Die SRG ist entscheidend für die Demokratie»
Stimmt das?
Die Demokratie in der Schweiz, seit dem Rütlischwur gerechnet, ist schon 735 Jahre alt. Die SRG ist erst 95 Jahre alt. Rechne. Es gab in der Schweiz also 640 Jahre lang eine Demokratie, ohne dass es eine SRG gab.

Und die Demokratie funktionierte auch ohne SRG gut. Sie funktionierte in der Alten Eidgenossenschaft bis zur Gründung des Bundesstaates und bis zum Landesstreik. Und immer ohne SRG.

Wichtigster Kanal der Massenkommunikation waren ab dem 18. Jahrhundert die Zeitungen. Ihren ersten Aufritt in der Geschichte hatte die SRG erst im zweiten Weltkrieg, als Radio Beromünster die geistige Landesverteidigung betrieb.

Dass Demokratie von informierten Bürgern lebt, ist unbestritten. Jahrhundertelang spielte die SRG dabei keine Rolle. Auch heute schauen nur zwölf Prozent aller TV-Zuschauer regelmässig die «Tagesschau». Ich glaube nicht, dass die anderen 88 Prozent nichts von Demokratie verstehen.

SRG-Gebot 2: «Die SRG sorgt für den Zusammenhalt der Schweiz»
Stimmt das?
Raten Sie mal: Wie viele Zuschauer in der Deutschschweiz schauen das Westschweizer Fernsehen? Die Antwort ist einfach: Niemand.

Unter den meistgesehenen TV-Sendern der Deutschschweiz liegt das Westschweizer Fernsehen auf Platz 37. Auf den ersten 36 Plätzen liegen nur deutschsprachige Kanäle, fast alle aus Deutschland.
Umgekehrt ist es genauso. Niemand in der Westschweiz schaut das Deutschschweizer Fernsehen. Hier liegen die Sender aus Frankreich vorne.

Die SRG sagt über sich selbst, sie sei in unserem Land «unverzichtbar für den Zusammenhalt». Das ist Unsinn. Die SRG sorgt eher für das Gegenteil, für eine Spaltung der Mediennation: Kein Romand will etwas mit dem Deutschschweizer TV zu tun haben, kein Deutschschweizer will etwas mit dem Westschweizer TV zu tun haben. Das soll Zusammenhalt sein?

Die SRG ist wenig nützlich als Klammer des Landes. Diese Aufgabe leisten andere, die Fussball- und Ski-Nationalmannschaft, die Autobahnen, die nationalen Volksabstimmungen und das Fondue.

SRG-Gebot 3: «Die SRG liefert Service Public»
Stimmt das?
Der frühere SRG-Generaldirektor Armin Walpen formulierte es so. Service public ist das Gegenteil von Service sans public. Er wollte möglichst viel Publikum und blähte darum die SRG zum heutigen Koloss mit 10 TV-Programmen und 17 Radiokanälen auf.
Der grosse Erfolg beim Public blieb trotzdem aus. Das Schweizer Fernsehen hat in allen drei Landesteilen einen Marktanteil von rund 30 Prozent. 70 Prozent der Schweizer bevorzugen andere Sender.

Inhaltlich ist Service public definiert als ein lebenswichtiges Angebot, das nicht dem freien Markt überlassen werden darf. Die Säule dieses Prinzips ist die Information. Das macht die SRG nicht allzu schlecht. Sendungen wie «Tagesschau», «Arena», «Rundschau» und «10 vor 10» erfüllen diesen Informationsanspruch, auch wenn sie allzu oft politische Schlagseite haben.

Nicht zum Service public gehören Unterhaltung und Sport. Die SRG sieht das natürlich anders. Denn die höchsten Zuschauerzahlen hat der Sender genau hier, von der Lauberhorn-Abfahrt bis zu «Auf und davon» und «SRF bi de Lüt».
Das ist die Ironie der SRG. Dort wo ihr Angebot kein Service Public ist, dort hat der sogenannte Service public am meisten Public.

SRG-Gebot 4: «Die SRG berichtet politisch ausgewogen»
Stimmt das?
Die Fachhochschule Winterthur befragte die SRG-Journalisten nach ihrem politischen Standpunkt. 70 Prozent erklärten, sie würden links stehen. So weit, so klar.

Jeden Morgen geschieht nun ein Wunder. Kaum betreten die Journalisten ihr Büro, sagt die SRG, fällt ihre linke Gesinnung wie Staub von ihnen ab und die Linken wandeln sich zu objektiven und politisch neutralen Beobachtern.

Das ist natürlich Selbstbetrug. Die politische Position einer Redaktion erkennt man immer in der journalistischen Aktualität. Bestes Beispiel war zuletzt Nahost. Die Ombudsstelle der SRG verurteilte die Redaktionen von Radio und Fernsehen gleich sechsmal wegen einseitiger Berichterstattung. Und wissen Sie was? In keinem der sechs Fälle kam es zur Kritik, weil die SRG-Journalisten einseitig die Position Israels bezogen. Nein, jedes Mal kam es zur Kritik, weil sich die SRG einseitig auf die Seite der Hamas und der Palästinenser schlug.
«Diskriminierung und Rassenhass» kritisierte die Ombudsstelle bei der Nahost-Berichterstattung von Radio und TV in einem der Fälle. Diskriminierung und Rassenhass. «Politisch ausgewogen» nennen es die SRG-Redaktionen.

SRG-Gebot 5: «Auch die SRG will sparen»
Stimmt das?
Zu den alten Traditionen der SRG gehört die Ankündigung, man wolle nun sparen. Gilles Marchand, der vorletzte SRG-Generaldirektor, kündete mehrmals ein riesiges Sparpaket an. Jedes Mal hiess es hinterher: «April, April, das war nicht ernst gemeint.»

Als vor gut einem Jahr Susanne Wille neue SRG-Generaldirektorin wurde, kündete sie ebenfalls an ihrem ersten Arbeitstag an, sie wolle um die 1000 Stellen abbauen. Ich habe zuvor noch nie eine Führungskraft gesehen, der sich an ihrem ersten Tag derart naiv aus dem Fenster lehnte. Aber gut, Wille kam aus dem Gärtchen des Kulturjournalismus. Management-Erfahrung hatte sie bei ihrer Wahl keine.

Wille nennt ihr Sparprogramm Enavant, also Fürsi. Sie wird scheitern, weil die SRG wie eine Dienststelle funktioniert. Dienststellen bauen stets zu viel Personal auf. Die SRG hat heute 7000 Mitarbeiter. Das sind 1500 mehr als noch im Jahr 2000, obschon sich das Programmangebot seitdem nicht verändert hat.

Für dieselbe Arbeit wie früher gibt es bei der SRG 1500 Mitarbeiter mehr. Und die wird man nicht mehr los.

SRG-Gebot 6: «Die SRG ist kein Staatsunternehmen»
Stimmt das?
Manchmal habe ich die SRG einen Staatsbetrieb genannt. Die SRG widersprach mir dann sofort, Wir sind kein Staatsbetrieb, sagte sie und verwies auf ihr Statut. Dort steht: «Die SRG-ist ein nach Aktienrecht geführter privater Verein.»

Sehr schön, sagte ich dann, und warum zahlt dieses Privatunternehmen SRG keine Steuern?

Ja, das haben einige von Ihnen nicht gewusst. Die SRG ist das einzige Unternehmen der Schweiz, das von der Unternehmessteuer befreit ist. In den letzten drei Jahren hat die SRG einen Gewinn von 80 Millionen Franken gemacht, aber darauf null Steuern bezahlt. Dieses Privileg haben nicht einmal Staatsbetriebe wie die Swisscom und die Post.

Die SRG zahlt keine Steuern wie Swisscom und Post, und das heisst, dass sie eigentlich gar kein Unternehmen ist. Sie ist eher ein Amt. Ämter werden durch allgemeine Abgaben finanziert und bezahlen folgerichtig keine Steuern.

Nennen wir das Amt darum in Zukunft nicht mehr SRG, sondern wählen wir eine andere Abkürzung. Zum Beispiel BUMM. BUMM. Bundesamt für Unterhaltung, Manpulation und Meteo.

SRG-Gebot 7: «Die SRG schützt gegen Fake News»
Stimmt das?
«Die SRG bietet verlässliche Information statt Fake News.» Das ist ein Hauptargument der Gegner der Halbierungsinitiative.
Ich habe mir überlegt, welche klaren Fälle von Fake News mir in den letzten Jahren begegnet sind. Da gab es die Fake News, die Schweizer Luftwaffe wolle die tschechische Republik angreifen. Da gab es die Fake News, die Mieten würden in der Schweiz seit Jahren sinken. Da gab es die Fake News, Donald Trump habe die Demonstranten persönlich angefeuert, das Kapitol zu stürmen. Da gab es die Fake News, die Corona-Impfung schütze vor Ansteckung.

Alles Manipulation und Fake News. Und alle dies erfuhr man vom Schweizer Radio und Fernsehen. Das ist auffällig. Die SRG produziert viel mehr Flops als ihre private Konkurrenz. Bei privaten Anbietern, von TeleZüri bis zum Blick, sind Fake News deutlich seltener als bei den Redaktionen des öffentlichen Rundfunks.
Fassen wir die Lage also in einem Zweizeiler zusammen:

Wenn emol wotsch Fake News gseh
De luegsch am beschte SRG

SRG-Gebot 8: «Die SRG sichert die Vielsprachigkeit»
Stimmt das?
In Zürich sitzt der Tamedia-Verlag, das Haus des Tages-Anzeigers. Der Verlag publiziert Zeitungen in der Deutschschweiz, in der Westschweiz und im Tessin. Es hat deswegen noch nie jemand von Tamedia gesagt, man sei darum entscheidend für die Vielsprachigkeit der Schweiz.

Das grösste Plakatunternehmen des Landes heisst APG. Es gehört der NZZ. Das Unternehmen hängt seine Plakate auf Deutsch, auf Französisch und auf Italienisch aus. Es hat deswegen noch nie jemand von der NZZ gesagt, man sei darum entscheidend für die Vielsprachigkeit der Schweiz.

Die SRG tut das gleiche und verbreitet ihr Angebot auch in drei Sprachen. Aber bei ihr wird diese Selbstverständlichkeit zur grossen nationalen Heldentat. Das mehrsprachige Angebot sei «einzigartig» rühmt sich die SRG, es sei der Schlüssel zur sprachlichen Vielfalt der Schweiz.

Das ist Propaganda in eigener Sache, und es ist ziemlich plumpe Propaganda. Die Vielsprachigkeit der Schweiz wurde schon 1848 in der Bundesverfassung festgeschrieben. Damals war die Gründung der SRG noch 90 Jahre entfernt.

SRG-Gebot 9: «Die SRG garantiert die Meinungsvielfalt»
Stimmt das?
Die Informationsdichte ist heute so hoch wie nie zuvor. Es gibt 720 Zeitungen in der Schweiz, 70 private Radio- und TV-Sender und 100 Newssites im Internet. Dazu kommen die Social Media der jüngeren Nutzer.

Rund tausend Medienangebote gibt es in der Schweiz. Mit anderen Worten: Es gibt zu wenig Medienvielfalt im Land.
Politiker von SP, Grünen und Mitte sagen es uns ununterbrochen: Ohne SRG, sagen sie, gibt es keine Medienvielfalt. Dasselbe sagt auch die SRG von sich selber.

Das ist lächerlich und politisch motiviert. Die Schweiz gehört zu den Ländern, wo es noch in allen Regionen ein vielfältiges Medienangebot gibt. Auch in kleineren Städten, von Biel bis Schaffhausen, gibt es konkurrierende Zeitungen und lokale Radio- und TV-Sender.
Nüchtern betrachtet ist die SRG für die Medienvielfalt nur ein zweitrangiger Faktor. Denn sie deckt die Breite des Publikums nicht ab. Sie erreicht vor allem kein jüngeres Publikum. Das durchschnittliche Alter der TV-Zuschauer liegt bei 63 Jahren. Das ist 20 Jahre höher als das der Durchschnitt der Bevölkerung.

Zusammengefasst können wir darum sagen: Auch die SRG liefert ihren Beitrag zur Medienvielfalt, aber nur zur Medienvielfalt in den Altersheimen.

SRG-Gebot 10: «Ein Ja zur Initiative ist das Ende der heutigen SRG»
Stimmt das?
Es ist das erste Mal, das ich sagen kann: Ja, das stimmt.

SRG-Generaldirektorin Susanne Wille sagt: «Ein Ja zur 200-Franken-Initiative wäre das Ende der heutigen SRG». Das ist korrekt. Bei einem Ja müsste die SRG ihr Budget um 45 Prozent kürzen, von 1,55 Milliarden auf 850 Millionen Franken.

Es ist klar, was dann passiert. Zuerst werden die überflüssigen dritten Radioprogramme wie SRF 3 abgeschafft. Das wäre nicht allzu schade, SRF 3 unterscheidet sich inzwischen kaum noch von SRF 1.

Dann werden die überflüssigen zweiten TV-Kanäle wie SRF 2 abgeschafft. Auch das wäre nicht allzu schade. Ihre Sportübertragungen werden dann, so wie in Deutschland und Österreich üblich, auf dem ersten Kanal ausgestrahlt.

Zum Sport eine kurze Zwischenbemerkung. Die Gegner der Initiative sagen: «Ohne SRG kein Lauberhorn». Dieses Argument ist ein Witz. Die Lauberhorn-Abfahrt bringt der SRG jeweils gigantische Werbeeinnahmen von über fünf Millionen Franken. Die Abfahrt ist damit die weitaus profitabelste Sendung im gesamten Programm. Die SRG wäre schön blöd, diesen Goldesel nicht weiter auszustrahlen.

In der Information, von «Tagesschau» über «Kassensturz» bis «Echo der Zeit» würde sich bei einem Ja nicht viel ändern. Die Redaktionen müssten die Personalkosten um etwa einen Viertel senken, aber das ist machbar.
Es blieben dann in allen drei Landesteilen je ein TV-Programm und zwei Radioprogramme. Alle hätten mehr Fokus auf Information und weniger auf Entertainment.

Ja, es wäre das Ende der heutigen SRG. Aus der fetten SRG würde eine schlanke SRG.

Kommen wir zum Resümee. Die zehn Gebote, welche die SRG für sich formuliert, sind fast immer propagandistisches Selbstlob. Die SRG ist nicht die Klammer der Schweiz, wie sie gerne behauptet. Sie gehört zur Schweiz, aber sie ist nicht existenziell für die Schweiz.

Wenn man schon mit einem dummen Witz beginnt, dann sollte man auch mit einem dummen Witz aufhören. Am besten ist natürlich ein Witz zur SVP.
Bei der Abstimmung zur 200-Franken-Initiative wird es in der Westschweiz viele Stimmen für die heutige SRG geben. In der Deutschschweiz hingegen wird es viele Stimmen gegen die heutige SRG geben. Wie sagt man dem? Das ist ein Albert-Rösti-Graben.

 
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