Die Individualbesteuerung: eine schlechte Lösung für ein echtes Problem.

Die steuerliche Benachteiligung der Ehe ist ein echtes Problem. Das bestreitet niemand ernsthaft. Es ist nicht hinnehmbar, dass verheiratete Paare mehr Steuern zahlen, als wenn sie im Konkubinat lebten. Diese Ungleichheit muss korrigiert werden. Aber die von der FDP und der Linken vorgeschlagene Lösung – die Individualbesteuerung – ist schlicht falsch. Schlimmer noch: Sie stellt einen frontalen Angriff auf die Institution der Ehe selbst und darüber hinaus auf die Familie dar.

Jean-Luc Addor
Jean-Luc Addor
Nationalrat Savièse (VS)

Die Ehe ist kein einfacher Verwaltungsvertrag zwischen zwei autonomen Individuen, die nebeneinander ein paralleles Leben führen würden. Sie ist die Vereinigung zweier Menschen, die sich frei dafür entscheiden, eins zu werden. Das ist eine Lebens-, Schicksals- und Verantwortungsgemeinschaft. Es ist daher natürlich, dass das Ehepaar auch steuerlich eine Einheit bildet. Sie zu zwei getrennten Steuersubjekten zu machen, bedeutet, diese grundlegende Realität zu leugnen.

Die Individualbesteuerung geht von einer rein individualistischen Sicht der Gesellschaft aus. Sie betrachtet den Haushalt nicht mehr als eine solidarische Gemeinschaft, sondern als eine Aneinanderreihung von Einzelinteressen. Langfristig schwächt diese Logik das, was die Stärke unseres sozialen Zusammenhalts ausmacht: die Stabilität der Familien, die Komplementarität der Rollen, die Solidarität zwischen den Ehegatten. Eine Gesellschaft, die die Familie in eine Summe isolierter Individuen auflöst, schwächt sich selbst.

Man versucht, uns die Individualbesteuerung als Fortschritt zu verkaufen. In Wirklichkeit handelt es sich um eine regelrechte Steuerstrafe für viele Familien. Einelternfamilien, die bereits mit hohen Belastungen konfrontiert sind, verlieren. Paare mit nur einem Einkommen – oder mit einem Haupteinkommen, das deutlich höher ist als das zweite – werden bestraft. Mit anderen Worten: Familien, die sich, oft zum Wohle der Kinder, dafür entschieden haben, dass ein Elternteil seine Erwerbstätigkeit reduziert oder unterbricht, werden voll getroffen. Ist das Gerechtigkeit?

Es gibt echte Lösungen
Die Korrektur der Heiratsstrafe darf nicht dazu führen, dass andere Familienmodelle bestraft werden. Es gibt eine glaubwürdige und gerechte Alternative: den Familienquotienten. Diese Lösung ermöglicht es, die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Haushalte abhängig von der Anzahl der unterhaltsberechtigten Personen zu berücksichtigen. Sie respektiert die Einheit des Ehepaares und gewährleistet zugleich eine gerechtere Besteuerung für Familien mit Kindern. Sie vermeidet es, die Familienmodelle gegeneinander auszuspielen und stärkt die Solidarität zwischen den Generationen.

Die Schweiz braucht starke Familien. Sie braucht einen steuerlichen Rahmen, der das dauerhafte Engagement von zwei Menschen unterstützt, die sich dafür entscheiden, gemeinsam eine Zukunft aufzubauen. Die Individualbesteuerung ist eine schlechte Lösung für ein echtes Problem. Täuschen wir uns nicht im Kampf.

Jean-Luc Addor
Jean-Luc Addor
Nationalrat Savièse (VS)
 
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