Referat

Lehrplan 21: Leistungsfeindlich, schwammig, wirtschaftsuntauglich

Eigentlich wären Lehrpläne dazu da, klare, überprüfbare Leistungsanforderungen für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen festzulegen. Auf dieser Grundlage hätten die Lehrer ihre Klassen so zu…

Ulrich Schlüer
Ulrich Schlüer
Nationalrat Flaach (ZH)

Eigentlich wären Lehrpläne dazu da, klare, überprüfbare Leistungsanforderungen für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen festzulegen. Auf dieser Grundlage hätten die Lehrer ihre Klassen so zu unterrichten, dass die Schüler in der Lage sind, altersgerechte Leistungen zu erbringen, um die Voraussetzungen für die Promotion in die nächsthöhere Klasse zu erfüllen.

Die Kantonalparteien wurden für die Vernehmlassung zum gesamtschweizerischen Lehrplan 21 mit wahren Papierlawinen eingedeckt. Weil sich die SVP seit dem HarmoS-Projekt auch auf schweizerischer Ebene mit der die Volksschule bedrängenden Reformitis intensiv befasst, wurde sie von mehreren Kantonalparteien um koordinierende Unterstützung angegangen. Daraus resultiert eine im Rahmen zweier Arbeitsgruppen formulierte, von der Parteileitung genehmigte SVP-Stellungnahme zum Lehrplan 21, die den Kantonalparteien übermittelt worden ist, welche sie für ihre Vernehmlassungen weitgehend übernommen haben.

Der Sinn eines Lehrplans
Ein für alle Kantone verbindlicher Volksschul-Lehrplan wäre dann von Nutzen, wenn er für die Kernfächer Landessprache, Mathematik und Fremdsprache – auf der Sekundarschul-Stufe zusätzlich für die naturwissenschaftlichen Fächer – klare, messbare Leistungsziele für jede Klasse festlegen würde. Der Weg zum gesetzten Ziel müsste den Kantonen im Rahmen der Methoden- und Lehrmittelfreiheit freigestellt werden. Ziele und Zielerreichung als gesamtschweizerisch verbindlich zu erklären, wäre indessen sinnvoll.

Bedauerlicherweise enthält der von der Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) in die Vernehmlassung gegebene Entwurf zum Lehrplan 21 nichts von Zielen und Zielerreichung. Stattdessen ist er geprägt von schwammig definierten «Kompetenz-Erwartungen». Dabei verschliesst sich der Entwurf beharrlich der Tatsache, dass Kompetenz in irgend einem Sachbereich nur auf einem soliden Fundament von Können und Wissen erreicht werden kann. Dass im umfangreichen Begleitpapier zum Lehrplan 21 Begriffe wie «sorgfältiges Unterrichten» und «Einüben von Fähigkeiten» auch nicht ein einzigesmal vorkommen, illustriert die falsche Zielsetzung und die Leistungsfeindlichkeit des Lehrplans 21 deutlich. Aufgrund seiner klar leistungsfeindlichen Tendenz erachtet die SVP den Entwurf des Lehrplans 21 als untauglich für die Volksschule.

«Fachbereiche» statt Fächer
Statt an klar abgenzbaren Fächern mit Leistungsanforderungen orientiert sich der Lehrplan 21 an «Fachbereichen». Physik und Chemie werden dabei in den «Fachbereich Mathematik» integriert, Hauswirtschaft in den «Fachbereich Natur- und Geisteswissenschaften». Klammheimlich werden neue Fächer eingeführt: Soziologie auf Kosten von Geographie und Geschichte. Staatskunde findet nur gerade in einer Klammer-Bemerkung Erwähnung.

Auf der Ebene der «überfachlichen Kompetenzen» fehlen Anforderungen wie Ausdauer, Sorgfalt, Ordnung, Zuverlässigkeit, Reinlichkeit vollständig. Berufliche Grundanforderungen sind den Schöpfern des Lehrplan 21-Entwurfs offensichtlich völlig fremd.

Wenn klar abgrenzbare Schulfächer wie Naturkunde, Geographie, Physik, Chemie, Geschichte durch «Bereiche» ersetzt werden wie «Migration», «Menschenrechte», «Klimawandel», «nachhaltige Entwicklung» usw., dann strebt dieser Lehrplan 21, statt Fach- und Sachkunde zu vermitteln, vor allem oberflächliches, an tagespolitischen Schlagzeilen orientiertes «Palaver» auf fehlendem Fundament an. Damit öffnet er Tür und Tor für die ideologische Beeinflussung von Schülerinnen und Schülern. Solches hat in Schweizer Volksschulen nichts zu suchen.

Nein zur HarmoS-Ausrichtung
Die SVP widersetzt sich entschieden der Ausrichtung des Lehrplans 21 auf das HarmoS-Konkordat, wie dies mit der Institutionalisierung von elf obligatorischen Schuljahren erfolgt. HarmoS ist in mehreren Kantonen an der Urne gescheitert. Früheinschulung und Basisstufe haben folgerichtig im Lehrplan 21 nichts zu suchen.

Lehrmeister miteinbeziehen
Aus dem Volksschul-Lehrplan müssen Leistungsbeurteilungen von Schülerinnen und Schülern resultieren, die für Lehrmeister, Lehrlingsbetreuer usw. unmittelbar verständlich und nachvollziehbar sind. Die Leistungsbeurteilungen müssen aussagekräftige Quervergleiche gewährleisten. Die Beurteilung hat weiterhin mit Noten zu geschehen.

Gerade in Zeiten schwerer, möglicherweise länger anhaltender Rezession, da Leistungserfüllung für jeden Betrieb zur Existenzfrage wird, hat der Lehrplan jungen Menschen optimale Start-Chancen ins Berufsleben zu sichern. Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sind Voraussetzungen für Berufserfolg. Schwammige Umschreibungen von Kompetenz-Erwartungen wird von keinem Lehrmeister begehrt.

Untauglich für Berufsvorbereitung
Mit der zwar modischen, der Bildung indessen kaum förderlichen Fächer-Zersplitterung, die sich am Ausbau des Fachlehrersystems auf Kosten des für die Schulklasse die Gesamtverantwortung tragenden Klassenlehrers orientiert, erweist sich der Lehrplan 21 als untauglich in Bezug auf die Berufsvorbereitung von Volksschülern.
Erfolgreicher Berufseinstieg gelingt dann am besten, wenn der Schüler als Persönlichkeit gesamthaft begleitet und eingeschätzt werden kann, wenn seine Leistungsfähigkeit von der gleichen Persönlichkeit also in verschiedenen Fächern beurteilt wird. Das ist die Aufgabe des Klassenlehrers, welcher seine Schüler in mehreren Fächern unterrichtet, ihr Verhalten und ihre Leistungsfähigkeit also umfassend beurteilen, die Eltern bei Berufsentscheidungen ihrer Nachkommen kompetent beraten und gegebenenfalls auch gezielt in Vorbereitungen dazu miteinbeziehen kann.

Dieses für die erfolgreiche Berufsvorbereitung von Jugendlichen dringende Erfordernis vernachlässigt der Lehrplan 21 vollständig.

Angesichts der Tatsache, dass heute vor allem in den Agglomerationen bis zu 25 Prozent aller Lehrlinge ihre Lehre vorzeitig abbrechen, sind nicht – wie vom Bundesamt für Berufsbildung gefordert – teure Projekte zur Förderung angeblich schwer vermittelbarer Lehrlinge durch die Kantone vermehrt zu finanzieren. Nötig ist vielmehr die umfassende Begleitung und kompetente Beurteilung der Schüler durch ihre Klassenlehrer. Das ist nicht bloss erfolgversprechendere, sondern auch weit kostengünstigere Begleitung junger Menschen in den Beruf. Ein Lehrplan-Entwurf, der dieses Erfordernis vernachlässigt, muss als untauglich eingestuft werden.

Kein Versteckspiel mit Kosten
Stossend am EDK-Entwurf zum Lehrplan 21 ist der offensichtliche Versuch, die Kostenfolgen dieses bürokratischen Projekts zu verschleiern. Dass die gemäss EDK-Entwurf von den Kantonen für die Detail-Erarbeitung des Lehrplans zu stellenden Lehrkräfte beträchtliche Kosten verursachen, wird vom EDK-Kostenvoranschlag auf inakzeptable Weise ausgeklammert.

Für die SVP steht fest: Mit den zehn Millionen, welche das untaugliche EDK-Projekt kostet, wäre für die Bildung wesentlich Sinnvolleres zu unternehmen und zu erreichen.

Fazit
Den Lehrplan-Entwurf, so wie ihn die EDK in die Vernehmlassung gegeben hat, lehnt die SVP entschieden ab. Die Erarbeitung des Lehrplans ist viel breiter abzustützen. Der Lehrplan darf nicht in der «geschützten Werkstatt» der EDK-Bürokratie entstehen. Zu dessen Erarbeitung sind vielmehr erfahrene, im Beruf stehende und mit der Berufspraxis vertraute Lehrkräfte sowie Vertreter der Berufswelt (Lehrmeister, Lehrlingsbetreuer) sowie Vertreter aller relevanten politischen Kräfte beizuziehen.

Der Lehrplan ist als Grundlage für die öffentliche Volksschule vorgesehen. Er kann nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit erarbeitet werden.

Ulrich Schlüer
Ulrich Schlüer
Nationalrat Flaach (ZH)
 
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