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100 Jahre Generalstreik: Ein Dank an Bevölkerung, Behörden und Soldaten

Wir haben uns hier in Uster versammelt, in der Mitte des Kantons Zürich. In Uster forderte das Zürcher Volk an der denkwürdigen Volksversammlung von 1830 – genannt der Ustertag – eine freiheitliche, selbstbestimmte Schweiz. Was zur demokratischen, freiheitlichen Kantonsverfassung führte. In Anbetracht dessen ist Uster bis heute ein Kraftort der schweizerischen Freiheit und Unabhängigkeit.

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Wir wollen uns heute aber in einer würdigen, ernsten Feier besinnen und der schwersten inneren Gefahr, denen die Schweiz seit Bestehen des Bundesstaates ausgesetzt war, gedenken. Es war der Landestreik von 1918.

Heute vor genau hundert Jahren, am 13. November 1918 um 24.00 Uhr, musste die Leitung des landesweiten Generalstreiks, der mehrere Tage lang auf der Schweizer Bevölkerung gelastet hatte, einem Ultimatum von Bundesrat und Parlament nachgeben. Die treibende Kraft des Generalstreiks, das so genannte «Oltener Komitee» – bestehend aus der Spitze von SP und Gewerkschaften – beschloss, den Streik zu beenden. 150’000 bis 200’000 Streikende kehrten in der Folge an die Arbeit zurück.

Wir Nachgeborenen haben allen Grund zur Dankbarkeit gegenüber der damaligen Bevölkerung, den Behörden und den Soldaten. Sie sind festgeblieben und haben den Erpressungen und Rücktrittsforderungen der Linken nicht nachgegeben. Dadurch konnte hierzulande ein revolutionärer Umsturz, wie er ein Jahr zuvor in Russland gelungen war und siebzig Jahre lang über viele Länder Knechtschaft, Diktator, Terror und hundertmillionenfache Vernichtung brachte, verhindert werden.

Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit, direkte Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft blieben auch in den schweren Novembertagen des Jahres 1918 unversehrt.

Erster Weltkrieg und seine Folgen

Versetzen wir uns gemeinsam zurück in jene Zeit: Seit über vier Jahren wütete der «Grosse Krieg», der sich nach dem Eingreifen der USA zum Ersten Weltkrieg ausweitete.

Was als frisch-fröhlicher, kurzer Feldzug in allen Nationen jubelnd begrüsst worden war, erstarrte in einem vier Jahre dauernden, zermürbenden Abnützungskrieg in den Schützengräben.

Karte Erster Weltkrieg

Auf der einen Seite kämpften die so genannten «Mittelmächte» (hier blau dargestellt). Sie bestanden aus dem deutschen Kaiserreich, der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und dem Osmanischen Reich.

Diesen Verbündeten gegenüber lagen die Truppen der so genannten «Entente» (hier in roter Farbe) von Frankreich, Grossbritannien, Russland und Italien. Von der unversehrten Schweizer Grenze aus gesehen erstreckte sich die Front vom Jura bis an den Atlantik. Und im Südosten vom Stilfserjoch bis an die Adriaküste. Das Eintreten der Vereinigten Staaten im Jahr 2017 auf Seite der Entente sollte den Krieg entscheiden.

Auf der Karte wird die brenzlige Situation der neutralen Schweiz ersichtlich: Sie war eingeklemmt zwischen zwei Fronten. Die Verantwortlichen in der Schweiz unternahmen alles, um Grenzverletzungen einer fremden Armee zu verhindern.

Schützengraben

Fast 20 Millionen Menschenleben hat der Krieg zwischen 1914 und 1918 gekostet – etwa je zur Hälfte Zivilisten und Soldaten!

Kartoffelabgabe

Die Situation in unserem Land war kritisch. Es kommt zu Versorgungsengpässen und Teuerung der Lebensmittel. Der lange, eintönige Grenzdienst führt zu weitverbreitetem Überdruss.

Gegen 700’000 von 4 Millionen Schweizern werden vom Staat notunterstützt. Noch besteht kein Militärpflichtersatz für die Familien der Wehrmänner.

Wir sehen hier, wie an bedürftige Stadtzürcher bei der Uraniabrücke 1917 verbilligte Kartoffeln abgegeben werden.

Obwohl sich in der zweiten Hälfte von 1918 eine merkliche wirtschaftliche Entspannung abzeichnet, macht sich die Linke zur Wortführerin der Unzufriedenen. Viele ihrer Führer proklamieren, dass die freie Marktwirtschaft – gemäss marxistischer Lehre – in den letzten Zügen liege.

SP und Gewerkschaften haben grossen Zulauf.

Doch die ganze damalige Situation ist nur durch die Radikalisierung der internationalen Lage erklärbar. Ungewollt steht die Schweiz – ohne dass sie dies wahrnimmt – im Brennpunkt.

Robert Grimm und das Oltener Aktionskomitee

1915 treffen sich im bernischen Bauerndorf Zimmerwald – als ornithologischer Verein getarnt – und 1916 in der Abgeschiedenheit in Kiental Vertreter der Sozialistischen Internationale, darunter auch die russischen Revolutionäre Lenin und Trotzki.

Lenins Revolution

Gemeinsames Ziel ist nicht nur die Beendigung des Krieges, sondern vor allem die Beseitigung des Kapitalismus und die Übernahme der Macht durch das Proletariat. Ohne die Konferenzen von Zimmerwald und Kiental in der neutralen Schweiz wären eine russische Revolution und 70 Jahre kommunistischer Herrschaft in der Sowjetunion vielleicht nicht möglich geworden.

Lenin weilt seit 1914 als Flüchtling in der Schweiz, wo er zur Beteiligung an der russischen Revolution aufruft. Im Frühjahr 1917 reist er heimlich mit Hilfe der deutschen Regierung zurück nach Russland und stellt sich an die Spitze der Revolution.

Wie stark dies in Russland nachhallt, habe ich als Bundesrat bei einem Treffen mit dem russischen Justizminister und dem russischen Generalstaatsanwalt erfahren. Diese beschuldigten mich in einem Wutanfall als schweizerischer Vertreter: „Die Schweiz ist schuld an der russischen Revolution und an dem über 70-jährigen Elend, das über unser Land hereingebrochen ist! Hätte die Schweiz Lenin nicht als Flüchtling aufgenommen und nicht mit Hilfe Deutschlands in Russland eigeschleust, wäre unserem Land die Katastrohe erspart geblieben.“

Ich schluckte leer. Dann schob ich – ganz staatsmännisch, aber etwas feige – die damalige Rolle Deutschlands in den Vordergrund. Aber heimlich dachte ich: „So unrecht haben die wahrscheinlich nicht.“

Robert Grimm

An die Spitze der Schweizer Linken drängt der in Wald geborene Zürcher Oberländer Robert Grimm. Als Chefredaktor des SP-Organs «Berner Tagwacht», Nationalrat und seit kurzem Mitglied der Berner Stadtregierung verfügt er über die nötigen Plattformen. Grimm ist die treibende Kraft hinter dem Landesgeneralstreik vom November 1918. Bei Ausbruch der bolschewistischen Revolution von 1917 eilt er nach Russland, fühlt sich Lenin ebenbürtig und hätte sich sogar dort die Führung zugetraut.

Unter seiner Leitung schliessen sich Anfang 1918 linke Vertreter der SP und der Gewerkschaften zum «Oltener Aktionskomitee» zusammen.

Als Ziel proklamieren sie wörtlich «die Zusammenfassung des Klassenkampfes unter einer einheitlichen Leitung». Man plant Massnahmen zur Durchführung eines landesweiten Generalstreiks und stellt schliesslich die Gemässigteren vor vollendete Tatsachen.

Im Februar 1918 entwirft der überzeugte Marxist Robert Grimm schriftlich seine Strategie. Diese sieht vier Phasen der Steigerung vor:

  1. Die allgemeine Agitation an Versammlungen;
  2. Demonstrationsversammlungen während der Arbeitszeit;
  3. Befristete allgemeine Streiks;
  4. Ich zitiere wörtlich: «Die Anwendung des unbefristeten allgemeinen Streiks, der zum offenen Bürgerkrieg überleitet und den Sturz der bürgerlichen Gesell           schaftsordnung zum Ziele hat.»

Grimm selber hat schon früher niedergeschrieben, wie die von ihm geführte Arbeiterschaft vorgehen müsse: «Will sie nicht auf ihren Kampf verzichten und tausend Jahre auf die Einführung des Sozialismus warten, so muss sie sich ebenso bewaffnen wie die Bourgeoisie und im gegebenen Fall von der Waffe rücksichtslos Gebrauch machen. Ist der Aufstand aber einmal da und führt er zur Eroberung der Staatsgewalt, so muss die Diktatur vorübergehend an die Stelle der Demokratie treten.»  

Hermann Greulich

Doch mit diesem vierten Schritt, nämlich dem geplanten Bürgerkrieg, läuft Grimm im Oltener Komitee auf. So mahnen einige vernünftige Schweizer Sozialdemokraten, zum Beispiel der 76-jährige Hermann Greulich, zur Mässigung. Der Zürcher Nationalrat ruft zu Reformen im Rahmen der bestehenden demokratischen Ordnung auf und will keine gewaltsame Revolution.

Fritz Platten

Ganz anders dagegen Fritz Platten: Der linksradikale Sekretär der SP Schweiz und Zürcher Nationalrat ist ein enger Vertrauter Lenins. Er spielt eine führende Rolle bei verschiedenen Streiks, auch beim Landesgeneralstreik, und gehört später zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei. Immer wieder weilt Platten in Russland, wo er sich 1923 dauernd niederlässt. Tragischerweise wird er schiesslich als Opfer der stalinistischen Säuberungen in Russland 1942 in einem Arbeitslager erschossen.

Jahresfeier der russischen Revolution

Neben Grimm nimmt Fritz Platten aber bis zum Schluss eine führende Funktion wahr.

Er ist es auch, der einen Aufruf zu einer Gedenkveranstaltung formuliert, mit der die SP Schweiz den einjährigen Jahrestag der russischen Revolution feiern will. Am 28. Oktober 1918 beschliesst die SP-Geschäftsleitung folgenden Aufruf:

Aufruf der SP zur Revolutionsfeier

«Schon rötet die nahe Revolution den Himmel über Zentraleuropa. Der erlösende Brand wird das ganze morsche, blutdurchtränkte Gebäude der kapitalistischen Welt erfassen.» Zu Recht schreibt der grosse Historiker Edgar Bonjour: «Der Sieg des Bolschewismus in Russland übte auf das schweizerische Proletariat eine bezaubernde, anfeuernde Wirkung aus.» Nicht wenige sind bereit, diesen revolutionären, staatsgefährdenden Worten auch Taten folgen zu lassen. Als man in einem Bahndamm bei Seebach auch noch Bomben findet, wird vor allem in Zürich die Stimmung äusserst gespannt.

General Willes Abwehrdispositiv

General Ulrich Wille

Die Kantons- und Stadtpolizei Zürich ist für die ausgerufenen Massenaufläufe und angesichts einer Bürgerkriegsgefahr völlig überfordert. Daher ist der Zürcher Regierungsrat zur Sicherung von Ruhe und Ordnung auf die Unterstützung der Armee angewiesen. General Ulrich Wille (hier gemalt von Ferdinand Hodler) will Blutvergiessen unbedingt verhindern und eine Revolution schon vorbeugend durch massive Truppenaufgebote im Keim ersticken. Er bekämpft die Idee, erst nach Ausbruch von Unruhen und Gewalt militärisch einzugreifen. Das führe zwangsläufig zu Blutvergiessen, legt er dar. Auch will er vermeiden, dass in Zürich Zürcher Truppen zum Einsatz kommen. So schreibt Wille dem Bundesrat: «Gerade weil ich den Gebrauch der Truppen zur Wiederherstellung der Ordnung nicht will, weil ich Bürgerkrieg und Blutvergiessen verhindern will, erachte ich das beförderliche Aufgebot der Truppen für geboten.»

Kavalleristen und Jungburschen

Am 6. und 7. November rücken die Truppenkontingente zur Unterstützung der Polizei in Zürich ein. Auf den 9. November hat das Oltener Aktionskomitee zu einem 24-stündigen Proteststreik in 19 Schweizer Städten aufgerufen – er wird aber sehr unterschiedlich befolgt.

In dieser gefährlichen innenpolitischen Situation überschlagen sich die Ereignisse im Ausland.

Novemberrevolution

Zusammenbruch der Kaiserreiche

Am gleichen 9. November wird in Deutschland der Kaiser ins Exil geschickt und unter sozialdemokratischer Führung die Republik ausgerufen.

Auch das Habsburgerreich Österreich-Ungarn bricht zusammen.

In vielen Städten wie Berlin, München oder Wien kommt es zu blutigen Ausschreitungen, Schiessereien und Aufständen.

Münsterhof

Am Sonntag, 11. November 1918 wird der Jahrestag der russischen bolschewistischen Revolution auf dem Milchbuck gefeiert. Zuvor versammeln sich am Nachmittag entgegen dem Verbot mehrere tausend Menschen auf dem Münsterhof. 55 Soldaten gelingt es, den Platz zu räumen, wobei auch Schüsse fallen. Ein Soldat wird vom Pistolenschuss eines Demonstranten getötet. Er bleibt in Zürich das einzige Todesopfer. Platzkommandant Emil Sonderegger erlässt seinen umstrittenen Befehl, dass Handgranaten eingesetzt werden, wenn zweifelsfrei feststehe, dass aus Kellern geschossen wird. Doch dieser Befehl muss nie umgesetzt werden.

Die Zürcher Ereignisse setzen das Oltener Aktionskomitee unter Zugzwang. Um sich die Führung nicht entwinden zu lassen, beschliesst es, ab 11. November um Mitternacht einen unbefristeten Landesgeneralstreik zu beginnen. Man stellt nicht die Revolution in den Mittelpunkt, sondern soziale Anliegen: So sofortige Proporz-Neuwahlen, das Frauenstimmrecht, die AHV und die 48-Stunden-Woche. Auch Staatsmonopole auf Importe und Exporte sowie die Tilgung aller Staatsschulden durch die «Besitzenden» stehen auf dem Programm.

Spanische Grippe

Unglücklicherweise fallen die fiebrigen Revolutionstage mit einer Grippeepidemie zusammen, wie sie die Welt vorher und nachher nicht mehr erlebt hat.

Todesanzeigen wegen spanischer Grippe

Zwischen 25 und 50 Millionen Menschen sterben 1918/19 weltweit an der so genannten «Spanischen Grippe» – das sind viel mehr Menschenleben, als der Weltkrieg mit all seinen Tötungstechniken gekostet hat. Allein in der Schweiz versterben 1918/19 24’500 Menschen an der Grippe – mehr Menschen, als damals der Kanton Uri Einwohner hat! Es handelt sich um eine besonders aggressive Form der Virus-Krankheit, gegen die keine Impfung und keine wirksame Behandlung zur Verfügung stehen.

Soldaten im Kantonnement

Nach einem ersten Höhepunkt im Sommer wütet die Grippe in den Novembertagen 1918 besonders grausam. Die Behörden versuchen, ein Versammlungsverbot durchzusetzen – sicher die wirkungsvollste Massnahme zur Verhinderung der Infektion. Doch die Streikenden halten sich nicht daran. Und die aufgebotenen Soldaten müssen auf engem Raum zusammenleben und stecken sich in ihren Kantonnementen und Strohlagern gegenseitig an. Dass der Streik trotz dieser verheerenden Grippeepidemie angezettelt wird, an der Hunderte von Soldaten sterben, erbittert das Bürgertum zusätzlich und für lange Dauer.

Soldaten und Frauen

Der Landesstreik

Ab dem 11. November 1918 folgen dem Streikaufruf des Oltener Aktionskomitees gegen 200’000 Arbeiter, vor allem in den Industriestädten des Mittellandes.

Etwa 100’000 Soldaten sind aufgeboten (der grösste Teil allerdings nur für die Bereitschaft) – dies bei einem Armeegesamtbestand von 300’000 Mann. Für viele Bürgerinnen und Bürger wirkt das militärische Aufgebot ausserordentlich beruhigend und wird warm empfangen. Die Hilfsbereitschaft von Frauen und Männern ist gross. Das gefährlichste Pflaster bildet die Stadt Zürich, weil dort besonders militante Führer agieren. Die Stadtpolizei Zürich umfasst nur 350 Mann, von denen wegen der Grippe nur 100 einsatzfähig sind. Die Kantonspolizei Zürich hat 204 Mann und auch erhebliche Grippe-Lücken. Dass da ein Ordnungsdienst nicht ohne Militär funktionieren kann, ist selbstverständlich.

Erstmals schweigen an diesem Tag – dem 11. November – in Europa die Waffen. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. In der Zentralschweiz, in der Romandie und im Tessin hat der Generalstreik keine grosse Wirkung. Die französische und italienische Schweiz freut sich über den Sieg der Entente-Mächte und beurteilt die Streikführer als deutschfreundlich.

Neue Zürcher Zeitung

Weil die Drucker in Zürich alle Zeitungen ausser das SP-Blatt «Volksrecht» bestreiken, geben die Bürgerlichen statt der NZZ notfallmässig mit Arbeitswilligen Sonderausgaben mit dem Titel «Bürgerliche Presse Zürichs» heraus. Studenten verkaufen die Zeitung, der Erlös geht an die Grippekranken. Alle eidgenössischen und kantonalen Beamten werden dem Militärgesetz unterstellt und bei Strafandrohung aufgefordert, zur Arbeit zu erscheinen. Die Zentralstelle der sozialistischen Soldatenorganisationen der Schweiz wendet sich so an die militärpflichtigen Arbeiter:

«Nicht reformieren wollen wir das heutige verfaulte System, sondern beseitigen!» Die Zürcher Arbeiterunion schreibt wörtlich:

«Wir legen die Kundgebung als Absicht aus, einen bewaffneten Bürgerkrieg herbeizuführen. Wir geben Ihnen Kenntnis, dass die Auffassung der Arbeiterunion dahin geht, den jetzigen Kampf nicht als beendet zu erklären, auch dann nicht, wenn Hunderte von Leichen die Strassen der Stadt Zürich bedecken sollten.»

Und da fragt heute ein junger SP-Nationalrat in einem offiziellen Vorstoss: «Ist der Bundesrat bereit, sich für die unrechtmässigen Armee-Einsätze im Umfeld und während des Landesstreiks offiziell zu entschuldigen?»

Der Bundesrat aber wendet sich an die Bevölkerung mit der Botschaft, er dulde zur Durchsetzung der sozialen Reformen keinen Umsturz. An die Soldaten geht der Aufruf, sie sollten nicht all die Jahre ihres Grenzschutzes wertlos machen, sondern die Schweiz auch «in dieser Stunde der inneren Krisis durch Eure feste Entschiedenheit und Eure mutige Entschlossenheit retten helfen. Gott schütze das Vaterland!»

Bewachtes Bundeshaus

Der 12. November 1918 ist der zweite Streiktag. In vielen Betrieben der Privatwirtschaft und der öffentlichen Verwaltung wird dennoch gearbeitet. Weil die Pöstler streiken, tragen Studenten die Post aus. Auch der Zugsverkehr funktioniert eingeschränkt mit arbeitswilligem Personal weiter – Soldaten bewachen die sogenannten Streikbrecher. Freiwillige melden sich für Bürgerwehren, auch um die grippegeschwächten Ordnungsdienst-Truppen zu ergänzen. General Wille ist aus grundsätzlichen Gründen gegen bewaffnete Bürgerwehren, weil daraus ein Bürgerkrieg entstehen könne. Er legt dagegen grössten Wert darauf, dass der Schienenverkehr aufrechterhalten bleibt.

Ausserordentliche Session

Am Mittag des 12. November beginnt eine ausserordentliche Session im gut bewachten Bundeshaus, wobei viele Parlamentarier wegen dem unregelmässigen Bahnverkehr zu spät eintreffen. Streikführer Robert Grimm glaubt in diesen Tagen an die Möglichkeit eines Umsturzes und hat gegenüber der Demokratie keine Skrupel. Sogar ein enger politischer Mitstreiter – der spätere Berner SP-Nationalrat und Wirtschaftsprofessor Fritz Marbach – ist der Ansicht, Grimm sei damals «während eines kurzen Intervalls der Illusion vom international begonnenen Endkampf erlegen». Grimm scheint nicht zu würdigen, dass man die Verhältnisse im zaristischen Russland nicht mit der direkten Demokratie der Schweiz vergleichen kann, in der auch jeder Arbeiter und jeder Sozialist eine Stimme hat. In der Parlamentsdebatte äussert sich Grimm im Ton einer eigentlichen Gegenregierung:

«Je reaktionärer Sie Beschlüsse fassen, je mehr sie die absolute Gewalt, die Sie haben und die im Widerspruch steht mit der Auffassung des Volkes, ausüben, desto besser für die weitere Entwicklung. Wir wollen Klarheit haben. Sie gehören einer alten Welt an, wir der neuen. Ihnen gehört die Vergangenheit, uns die Zukunft. Eine unüberbrückbare Kluft trennt uns.»

Fritz Bopp

Nun tritt ihm aber Fritz Bopp aus Bülach entgegen, ein Bauer, der sich autodidaktisch zum Redaktor und Gerichtspräsidenten weitergebildet hat, Mitgründer der Zürcher Bauernpartei, der späteren SVP. Bopp sagte hellsichtig, «dass der Aufruf zur Revolutionsfeier für den einjährigen Bestand des bolschewistischen Staates an sich schon Grund zu Vorsichtsmassnahmen» gebildet habe. Wer die bolschewistische Sowjetunion einigermassen kenne, komme zum Schluss, dass «diese sogenannte Staatsordnung in unverträglichem Widerspruch» zu den schweizerischen Verhältnissen stünden, «wenn wir eine demokratische Republik bleiben wollen».

Und Fritz Bopp ruft in den Saal: «Sollen wir nachgeben? Ich sage nein, niemals! Lieber unter dieser Kuppel sich begraben lassen, wenn sie eine rote Fahne aufpflanzen wollen, ehe wir weichen! […] Wenn wir heute kapitulieren, so haben wir für alle Zeiten kapituliert.»

Ausweisung der Sowjetmission

Die diplomatische Mission der Sowjetunion in Bundesbern wird ausgewiesen und mit Dragonerbegleitung eskortiert. Sie steht im dringenden Verdacht, gegen die Schweiz gewühlt, Spitzel bezahlt und mit manchen Streikführern in Kontakt gestanden zu haben. Doch die Sache wird diplomatisch geregelt: Die Russen dürfen nach freiem Ermessen auch ihre Akten ausführen – und bei Bedarf natürlich auch vernichten. Aus diplomatischen Gründen verbietet das Aussendepartement den späteren Untersuchungsbehörden auch den Zugang zu den zurückgelassenen Akten im sowjetischen Botschaftsgebäude in Bern. Vielleicht auch darum sind direkte Kontakte zwischen der Streikleitung und der Sowjetunion nicht nachweisbar. Sicher und unbestritten ist, dass die Sowjetmission eine rege Propagandatätigkeit in der Schweiz entfaltet hat.

Die SP nach dem Streikabbruch

Das Zürcher SP-Organ «Volksrecht» aber schreibt an diesem 12. November 1918:

«Aus der russischen und deutschen wird die europäische Revolution erstehen. Darum vermag keine Macht der Welt mehr die grosse politische Umwälzung, in der wir auch in der Schweiz stehen, zu hemmen oder aufzuhalten. Es sind grosse Tage, die wir erleben.»

Geplante Sprengstoffattentate

Es gibt im linken Lager durchaus Elemente, die auf Gewalt und Terror setzten. Der spätere Bundesanwalt Werner Lüthi schreibt in seiner Dissertation in genauer Kenntnis der Akten über die Verurteilung von vier Angeklagten vor Bundesstrafgericht, die um die Zeit des Generalstreiks Besprechungen über die «Beschaffung von Sprengstoffen zur Bewaffnung revolutionärer Gruppen und zur Herbeiführung von Verkehrsstörungen» durchführen. In der Folge wird aus einem Munitionsmagazin in Brugg eine grosse Zahl Sprengpatronen und elektrische Zünder gestohlen. Beteiligt ist der Aktuar des Zürcher Holzarbeiterverbandes und Kassier der Zürcher sozialdemokratischen Soldatenorganisation. Das gefährliche Material lagert zwischenzeitlich im Volkshaus in Zürich.

Robert Grimm als Redner

Am 13. November, dem dritten und letzten Streiktag, tritt der Bundesrat immer selbstsicherer auf.

Er lehnt im Parlament mit einer grossen bürgerlichen Mehrheit gegen die Stimmen der Sozialisten den Landesstreik und die Forderungen des Oltener Aktionskomitees ab.

In einem Ultimatum verlangt der Bundesrat den Streikabbruch bis um Mitternacht.

Robert Grimm (hier auf dem Bild) tritt in Form eines Erpressers auf und droht den Bundesräten Gustave Ador und Giuseppe Motta mit einem Bürgerkrieg.

Auch der Zürcher Kantonsrat stellt sich hinter den festbleibenden Regierungsrat. Die Zürcher Regierung erklärt sich aber bereit, Vertreter der SP ins siebenköpfige Gremium wählen zu lassen. Die Streikleitung beschliesst schliesslich nach einer stürmischen Sitzung, den Landesstreik abzubrechen.

Demokratie gerettet

Der 14. November ist der Tag des Streikabbruchs. Bundespräsident Felix Calonder dankt den Volksvertretern und den Soldaten für ihre patriotische Pflichterfüllung: «Frei und stolz erhebt die schweizerische Demokratie ihr Haupt.» In Zürich gibt die Arbeiterunion erst am Abend auf.

Grenchen

Durch Fehler beider Seiten kommt es in Grenchen leider zum Tod von drei jungen Uhrmachern durch Kugeln von Waadtländer Soldaten.

Das «Volksrecht» als offizielles Organ der Zürcher SP bleibt auf dem revolutionären Kurs und schreibt nach dem Streik:

«Hell glänzt eine Sonne über Russlands Fluren; sie heisst die sozialistische Republik. Schon leuchtet sie nach Deutschland hinein; bald wird ihr Licht über Frankreich, Italien und andern Ländern stehen. Dann fällt noch ein anderer fauler Baum, geheissen schweizerische Demokratie.»

Grippe-Beerdigung

Tief beeindruckt haben mich die Erzählungen meines Vaters, der 1918 in Basel die Rekrutenschule absolviert hat. Er sprach oft über die grassierende Grippe und die düstere Stimmung. Fast ununterbrochen seien militärische Trauergeleite unter Trauermarsch durch die Strassen marschiert. 60 Prozent der Verstorbenen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. In meiner Nachbarschaft in Herrliberg lebt eine Bauernfamilie. Ein Vorfahre des heutigen Hofbesitzers stirbt im November 1918 an der Grippe. Der junge Ehemann hinterlässt einen Sohn. Er war laut «Zürichsee-Zeitung» «ein Muster eines arbeitsamen, friedfertigen Bauernsohnes, der erst kürzlich seinen Ehestand gegründet hatte». Doch nicht genug: Nur fünf Tage später fällt auch seine Schwester der Grippe zum Opfer. Die Zeitung schreibt: «Bruder und Schwester liegen nun Seite an Seite friedlich in der kühlen Gruft».

Ich bitte Sie, den vielen, vielen tausend Frauen, Männern und Kinder, Zivilisten und Soldaten, die vor hundert Jahren der Grippe zum Opfer gefallen sind, stehend zu gedenken.

Soldatenbeerdigung

[Einzelne Trompete: «Ich hatt’ einen Kameraden»]

Ich danke Ihnen.

Geschichtsklitterung

1968, danach und besonders in diesem Jahr ist es Mode geworden, den Generalstreik nur als Folge der Not und als Anlass für völlig gerechtfertigte, friedliche Forderung nach sozialen Reformen darzustellen. Es sei vor allem um Arbeitszeitverkürzung, Frauenstimmrecht, Proporzwahl, AHV usw. gegangen. Verschwiegen wird der unbestreitbar nachgewiesene Schlachtruf der Streikführer.

Willy Bretscher

Der langjährige NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher war überzeugt, dass das Oltener Aktionskomitee sein Forderungsprogramm nur als Täuschungsmanöver benutzt habe, um möglichst viele Anhänger zu gewinnen und «der revolutionären Bewegung eine unver-fänglichere Etikette» umzuhängen. Heutige Historiker – urteilte Bretscher schon damals – könnten die Ereignisse des Generalstreiks nur ungenügend aufarbeiten, weil sie «den heissen Atem» des Ereignisses nicht gespürt hätten.

„Landesstreik 1918“

Das gilt heute wegen der stark links geprägten Geisteswissenschaften in noch ausgeprägterer Weise. Man staunt über so viel einseitige Darstellung. Krankhaft versucht man folgendes Bild zu malen:

1918 habe ein Generalstreik soziale Reformen verlangt. Und dieser Streik sei grausam mit Waffengewalt niedergestreckt worden. Bundesratspräsident Berset darf bei der Ausstellung im Landesmuseum – von uns Steuerzahlern berappt – behaupten, die Proporzwahlen des Nationalrates seien die Folge des Streikes gewesen, dabei ist der Proporz bereits am 24. Oktober 1918 – also vor dem Streik – durch das Schweizer Volk demokratisch beschlossen worden.

Maschinengewehr im Landesmuseum

Unter dieser Geschichtsfälschung ist auch die sehr einseitige Ausstellung im Landesmuseum zu sehen: Im Mittelpunkt steht ein Maschinengewehr und nicht etwa die schriftliche festgehaltene Strategie und die Absichten der Streikführer zum revolutionären Umsturz in der Schweiz!

Damit soll in bösartiger und niederträchtiger Weise der Eindruck erweckt werden, dass man in der Schweiz Soldaten aufbiete, um eine Kundgebung für Arbeitszeitenverkürzung niederzuschlagen. Dass gerade dank dem entschiedenen Militär Bürgerkrieg und Blutvergiessen verhindert worden sind, wird ausgeklammert.

Jeder in diesem Land  weiss, dass gegen harmlose Demonstranten, die für solche Forderungen auf die Strasse gehen, in der Schweiz nie die Armee aufgeboten würde.

Das hindert die Ausstellung im Landesmuseum nicht, als herausstechendes Merkmal ein Maschinengewehr ins Zentrum zu stellen, d.h. ein Werkzeug, um den Ordnungsdienst aufrecht zu erhalten. Diesem Werkzeug werden die angeblich gerechtfertigten sozialen Anliegen gegenüber gestellt.

Wer Geistes Kind diese angeblich hochgebildeten Geisteswissenschaftler sind, belegte mir kürzlich ein Votum des – selbstverständlich mit Auszeichnung – emeritierten Geschichtsprofessor Jakob Tanner, der belehrend analysierte:

Die Schweiz sei im Zweiten Weltkrieg nicht wegen der Armee bewahrt worden. Sondern man habe die Schweiz ganz einfach nicht angegriffen. Sonst wäre es ganz anders herausgekommen.

Ich schüttelte verzweifelt den Kopf über so viel Naivität! Hat der Herr Professor noch nie etwas vom Auftrag der Schweizer Armee gehört? Aber vielleicht ist er ja ein Armeegegner oder gar ein Dienstverweigerer, so dass er das alles nicht wissen will. Jeder Soldat der Schweizer Armee weiss schon in der Rekrutenschule, dass die Armee das letzte Mittel der Prävention ist. Sie soll dafür sorgen, dass die Schweiz nicht angegriffen wird.

Der Eintrittspreis für den Gegner muss zu hoch sein. Der Angreifer muss wissen, dass selbst im Falle eines durch einen Krieg erzielten Sieg Schaden und Opfer für ihn so hoch ist, dass es sich nicht lohnt! Dies hat die Schweiz in zwei der furchtbarsten Kriege – dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg – bewiesen. Und dieser Strategie liegt in Zweiten Weltkrieg das Reduit zu Grunde.

Die Schweiz als Friedensinsel

Die bürgerliche, demokratische Schweiz hat 1918 die schwerste Bewährungsprobe ihrer Geschichte bestanden.

Schweiz als Friedensinsel

All den Frauen und Männern, die 1918 unter schwierigsten Bedingungen treu zur schweizerischen Selbstbestimmung, zur Unabhängigkeit und zur direkten Demokratie gestanden sind, gebührt unser aller Dank. Menschen aus dem Bauern- und Gewerbestand, das freisinnige und das katholisch-konservative Bürgertum, die Bewohner der Zentralschweiz, der Westschweiz und des Tessins – sie alle haben uns das Land vor schwersten Anfechtungen von Links frei und unversehrt bewahrt. Gedenken wir heute ihrer bewundernswerten Leistung vor hundert Jahren! Und erweisen wir uns heute ihrer würdig! Verspielen wir nicht unsere direkte Demokratie und unser Stimmrecht, um das sie im November 1918 so heiss gerungen haben. Tun auch wir Heutigen das Richtige wie damals die grosse Mehrheit unserer Ahnen!

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