Abschaffung der Heiratsstrafe: Ehegattensplitting oder Individualbesteuerung?
Heute werden Ehepaare bei der direkten Bundessteuer gemeinsam besteuert, während unverheiratete Paare individuell besteuert werden. Ehepaare zahlen wegen der Steuerprogression deutlich mehr Steuern («Heiratsstrafe»). In vielen Kantonen hat man deshalb schon länger ein Ehegattensplitting eingeführt: Es gibt nach wie vor eine gemeinsame Steuererklärung, aber die Einkommen werden aufgeteilt («gesplittet») und damit die Steuerbelastung insgesamt gesenkt.

Mit der Individualbesteuerung soll nun jeder – unabhängig vom Zivilstand – separat besteuert werden. Das heisst: Jeder Ehegatte muss seine eigene Steuererklärung einreichen. Die Auswirkungen sind unterschiedlich: Doppelverdiener mit ähnlich hohem Einkommen profitieren deutlich. Einverdiener-Ehepaare zahlen hingegen mehr Steuern.
Ehepaare müssen Vermögen aufteilen wie bei einer Scheidung
Die Frage ist: Wollen wir ein System, das die Familie als Einheit betrachtet? Oder wollen wir ein Steuersystem, das die individuelle Erwerbstätigkeit fördert? Die Individualbesteuerung setzt Anreize, dass Paare Vollzeit arbeiten. Aber was bedeutet das für Familien mit kleinen Kindern, für pflegende Angehörige?
Fördern wir damit wirklich die Wahlfreiheit – oder drängen wir Familien in ein bestimmtes Modell?
Die Reform erhöht den Bürokratieaufwand massiv: Neu müssen Ehepaare zwei Steuererklärungen einreichen. Ehegatten müssen ihr gemeinsames Vermögen – Bankguthaben, Liegenschaften, andere Vermögenswerte – aufteilen wie bei einer Scheidung. Die Einführung der Individualbesteuerung führt schweizweit zu 1,7 Millionen zusätzlichen Steuererklärungen. Um diese zusätzlichen Steuererklärungen abarbeiten zu können, müssten die Steuerämter personell massiv aufgestockt werden. 21 von 26 Kantonen lehnen diesen Systemwechsel ab.
Fazit
Das Ehegattensplitting hat sich während Jahren in vielen Kantonen bewährt und eignet sich auch auf Bundesebene zur Abschaffung der Heiratsstrafe. Es respektiert verschiedene Familienmodelle und vermeidet neue Ungleichheiten. Die Individualbesteuerung klingt modern, aber sie bestraft Einverdiener-Haushalte und Familien mit kleinen Zweiteinkommen. Und sie führt zu einem teuren Ausbau der Steuerbürokratie.


